Leere der kirchlichen Lehre

7. September 2026 in Kommentar


Der nächste Bischofsrücktritt zeigt einen weiteren Aspekt der Krise des Bischofsamtes. Es ist die Krise der Lehre. Bischof Timmerevers ist verantwortlich für die Veröffentlichung eines skandalösen Textes. Der Montagskick von Peter Winnemöller


Dresden (kath.net)

Es ist kaum zu glauben, dass nicht einmal zwei Wochen vergehen mussten, bis sich die vorletzte Kolumne über die Krise des Episkopats bestätigte. Der Bischof von Dresden-Meißen, Heinrich Timmerevers, ist zurückgetreten. Noch wenige Tage zuvor war vom 1. Januar 2027 die Rede. Dann kam die Ansage recht flott. Jetzt. Und an anderen Orten? Der Erzbischof von Mailand, der seinen Rücktritt einreichte, darf noch ein Jahr länger bleiben. Auch hier muss man die kirchliche Sprache verstehen. Das ist kein Nachsitzen, das ist eine Anerkennung für die geleistete Arbeit. Man möchte für Deutschland nun fast fragen, wer der Nächste ist.

Einer der Aspekte der Krise ist, wie die vorletzte Ausgabe des Montagskicks zeigte, das Leitungshandeln der Bischöfe. Das Charisma des Amtes ist dreiteilig. Es ist das Lehren, das Leiten und das Heiligen. Der Fall des nun zurückgetretenen Bischofs von Dresden-Meißen zeigt nur zu deutlich, wie die Krise des Episkopats auch eine Krise der Lehre ist. Nahezu alle deutschen Bischöfe haben sich in den Strudel des Synodalen Weges ziehen lassen. Dieser Strudel hat nicht zuletzt die Lehre der Kirche radikal abgeräumt. Jedem Aspekt nachzugehen, ist sicher nötig, doch hier nicht angezeigt. Mit Blick auf den nun ehemaligen Bischof von Dresden-Meißen lohnt sich ein besonderer Fokus.

Als Vorsitzender der Schulkommission war Timmerevers dafür verantwortlich, dass das umstrittene Papier „Geschaffen, erlöst und geliebt“, das zuvor vom Ständigen Rat der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) abgelehnt worden war, durch die Hintertür der Schulkommission zu einem offiziellen Papier der deutschen Bischöfe wurde. Zuvor hatte er sich in einem Heft der Reihe Herder Thema mit dem Titel „Vielfalt sexueller Identitäten SICHTBAR ANERKANNT“ in einem Interview zu demselben Themenfeld geäußert. Heft und Schulpapier sollten in einer Art konzertierter Aktion zeitnah zueinander erscheinen.

Die konkrete Selbstdeutung Betroffener und ausgewählte humanwissenschaftliche Aussagen, so Timmerevers, sollten seiner Ansicht nach den Ausgangspunkt bilden, von dem aus die kirchliche Anthropologie und Moral neu formuliert werden sollten. Es geht um eine Änderung der Lehre in Fragen des Glaubens und der Sitten. In der katholischen Tradition werden Lebenswirklichkeit und Wissenschaft natürlich ernst genommen. Das bedeutet auch, die Natur intensiv zu beobachten. All das ist aber nicht die letzte Norm der Offenbarung. Ein Bischof hat die Wirklichkeit im Licht des Glaubens auszulegen. Timmerevers hingegen zeigte an mehreren Stellen des Interviews, die überlieferte Lehre umgekehrt im Licht der gegenwärtigen Wirklichkeit korrigieren zu wollen. Mehr noch, an einigen Stellen gab er zu erkennen, die Lehre der Kirche besonders bei der Beurteilung von Homosexualität oder Transidentitäten persönlich nicht mehr zu teilen. Er stellte die geltenden Urteile erkennbar zur Disposition und hoffte ausdrücklich auf entsprechende Änderungen in Lehre und Katechismus. Womit er nicht der einzige sein dürfte.

Wir haben hier das Beispiel eines Bischofs in einer lehrmäßigen Zerreißprobe. Dieses Beispiel ist sprechend. Im Großen und Ganzen wird man davon ausgehen dürfen, dass ein Bischof die Lehre der Kirche persönlich, in seinem Glaubensleben und seiner Spiritualität, aber auch in der theologischen Durchdringung teilt. Zugleich ist ein Diözesanbischof für die Lehre in seinem Bistum persönlich verantwortlich. Das reicht von der Katechese im Kindergarten über Religionsunterricht und Sakramentenkatechese bis zum Theologiestudium, also zur Ausbildung von Priestern, pastoralen Mitarbeitern und Lehrern. Hier trägt der Bischof die Letztverantwortung.

Ein einziger Blick auf die katholischen Fakultäten in Deutschland zeigt das ganze Elend. Es ist kein zu hartes Urteil, hier festzustellen, dass die Theologie in Deutschland in der Wurzel verdorben ist. Kein Theologenbashing, sondern ganz nüchtern die Feststellung, dass sich ein nennenswerter Anteil deutscher Theologen an den zahlreichen Fakultäten des Landes mündlich wie schriftlich in erheblicher Spannung zur Lehre der Kirche geäußert hat. Auch hier kein Urteil, keine Inquisition, kein Besserwissen, sondern nur die schlichte Feststellung, dass es halt so ist.

Wer daran zweifelt, darf das tun. In der Wissenschaft hat, das gehört zu ihrem Wesen, auch die schrägste aller schrägen Thesen ihren Platz. In den Naturwissenschaften ist die Natur der beste Helfer, um auf dem Boden zu bleiben. Die Gravitation gilt ohne Ansehen der Person, die Trägheit der Masse ebenfalls, und der Versuch, den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu ignorieren, führt nicht zu mehr Ordnung auf dem Schreibtisch. In den Geisteswissenschaften ist das anders. In der Theologie gibt es aber ebenfalls ein Korrektiv – und das ist die Lehre der Kirche. Wo die wilde Theorie nicht einfach nur wilde Theorie, sondern verurteilter Irrtum ist, ist es sinnlos, sie weiterzuverfolgen.

Und damit noch einmal zurück zum umstrittenen Schulpapier der DBK. In einem anderen Zusammenhang, nämlich hinsichtlich eines ähnlichen Schulpapiers im Erzbistum Hamburg, hat das Dikasterium für Kultur und Bildung einer Elterninitiative bestätigt, maßgeblich bleibe das römische Dokument „Als Mann und Frau schuf er sie“ von 2019. Dieses Dokument ist für sich genommen kein lehramtliches Dokument, legt die verbindliche Lehre der Kirche aber authentisch und vollständig dar. Sowohl das Dokument aus Hamburg als auch das von Timmerevers veröffentlichte Papier stehen in erheblicher Spannung zur Lehre der Kirche. Beide sind für Katholiken nicht nur unmaßgeblich, es ist auch verboten, sich daran zu halten. Trotzdem tun es in den konkreten Beispielen Timmerevers und der Hamburger Erzbischof Stefan Heße.

Die beiden Papiere sind nicht vom Himmel auf bischöfliche Schreibtische gefallen. Es sind Werke, die unter maßgeblicher Mitwirkung von Theologen entstanden sind. Dennoch tragen die Bischöfe die Verantwortung. Sie müssten hier als Träger des Lehramtes sagen, dass diese Papiere nicht zur Veröffentlichung geeignet sind. Wären sie sich unsicher, dürften sie sich in Rom beraten lassen. Die Verantwortung liegt bei ihnen.

Es zeigt sich hier ein Kernpunkt der Krise des Episkopats in Fragen der Lehre. Ganz gleich, ob der einzelne Bischof persönlich sattelfest ist oder wankt, es gilt die Lehre der Kirche zu verkünden, gelegen oder ungelegen. Die Krise des Episkopats ist neben der Krise der Leitung, für die die allermeisten Bischöfe nur mäßig, schlecht oder gar nicht qualifiziert sind, auch eine Krise der Lehre.

Der Katechismus, so hat es Papst Benedikt XVI. einmal gesagt, ist kein Superdogma. Man sollte ihn auch nicht dazu machen. Es reicht schon, ihn so zu verwenden, wie er gedacht ist. Der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) legt den Glauben der Kirche umfassend und authentisch vor. Die ersten Adressaten sind die Bischöfe, wie man in der Einleitung lesen kann. Es wäre nicht zu viel verlangt, wenn ein Bischof im Streitfall einmal den Katechismus zu Rate zöge, um sich darauf zu berufen und eine womöglich ins Absurde gehende Bestrebung einzufangen.

Viele Ältere erinnern sich an die Auseinandersetzungen um den Theologen und Psychotherapeuten Eugen Drewermann. Ein sehr kluger Mann, der eine ganze Reihe brillanter Thesen aufgestellt hat. Ob es der Erfolg war, der ihm zu Kopfe stieg, oder was auch immer, der Mann haute Thesen raus, die nicht mehr tragbar waren, gerierte sich als Opfer und bereitete seinem Bischof schlaflose Nächte, weil dieser seinen Priester nicht mehr erreichen konnte.

Es folgten der Entzug der Predigterlaubnis und des Nihil obstat, am Ende die Suspendierung vom priesterlichen Dienst. Begleitet wurde das von einem Bohei in den Medien, der damals seinesgleichen suchte. Heute wird kein Theologe mehr zur Rechenschaft gezogen, egal was im Hörsaal abgeht. Die Bischöfe tun sich das gar nicht mehr an. Im Umkehrschluss ist die Lehre so, wie sie ist. Die Fakultäten sind leer. Die Hochschule Heiligenkreuz und die Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT) haben Zulauf. Und der Erzbischof von Köln hat Stress wegen der KHKT. Noch Fragen?

Es ist leicht, vom Schreibtisch aus die Schließung aller theologischen Fakultäten zu fordern, doch tatsächlich wird das in absehbarer Zeit passieren. Die staatlichen Universitäten sind nicht mehr ganz so wild auf Theologie. Sparzwänge führen schon jetzt zu Streichungen von Lehrstühlen. Weniger Priesteramtskandidaten führen zur Konzentration von Ausbildungsorten. Auch wenn man das im Moment vielleicht noch nicht so sieht, liegt die Zukunft eher bei kirchlichen Hochschulen als bei staatlichen.

Hinsichtlich der Krise des Episkopats kann man nur eines sagen: Neben einer besseren Ausbildung in Fragen der Leitung ist eine Ausbildung in Lehrkompetenz unbedingt nötig. Der Bischof muss nicht selbst Professor sein. Eine Promotion wäre nicht schlecht, um den wissenschaftlichen Betrieb zu kennen. Wichtiger ist Bildungsmanagement. Wie identifiziere ich gute Lehrer? Wie setze ich Mittel zur Qualitätssicherung der Lehre ein? Und last but not least, wie etabliere ich eine Kultur der Bejahung der kirchlichen Lehre an den Fakultäten?

Heute stehen die Lehrstühle eher in einem Wettbewerb darum, wer sich am weitesten vom Lehramt der Kirche entfernt. Es geht um das Wissen, dass Theologie immer Theologie im Auftrag der Kirche ist und nicht gegen die Kirche. Die Kathedra des Bischofs und die Lehrstühle der Professoren sollten viel, viel dichter aneinanderrücken. Denn auch das ist eine Wirklichkeit des Bischofsamtes. Als Lehrer in seiner Diözese braucht der Bischof die Unterstützung der Fachtheologen in der Lehre. Ähnlich wie beim Leitungshandeln ist es sinnvoll und effizient, arbeitsteilig zu handeln.

Doch eine marodierende Theologenschaft ist genauso übel wie ein theologisch marodierender Bischof, der von einer Änderung der Sexualmoral der Kirche faselt. Noch einmal zurück zur Krise. Es ist völlig klar, dass ein Bischof, der persönlich in Spannung zur Lehre der Kirche steht, irgendwann an dieser Spannung zerreißen muss. Beseitigen wir diese zahlreichen Spannungen in der Lehre nicht, werden wir weiterhin einen massiven Verschleiß von Bischöfen erleben.


 

Bild oben: Die Hofkirche in Dresden ist die Kathedrale des Bistums Dresden-Meißen. Foto: ©Peter Winnemöller


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