
23. September 2026 in Aktuelles
Leo XIV.: Über menschliche Arbeit, technischen Fortschritt und die Beziehung des Geschöpfes zum Schöpfer. Warum ‚Gaudium et spes‘ den Fortschritt nicht als Gegensatz zum Glauben verstand. Von Armin Schwibach
Rom (kath.net/as) „Dann pflanzte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte. Gott, der Herr, ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, begehrenswert anzusehen und köstlich zu essen. […] Gott, der Herr, nahm den Menschen und gab ihm seinen Wohnsitz im Garten von Eden, damit er ihn bearbeite und hüte“ (Gen 2,8-9a.15).
Papst Leo XIV. setzte bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz, der fünfundsechzigsten des Pontifikats, seinen Weg durch die Pastoralkonstitution Gaudium et spes des Zweiten Vatikanischen Konzils fort und wandte sich dem dritten Kapitel des ersten Teils mit dem Titel „Das menschliche Schaffen in der Welt“ zu. Im Mittelpunkt stand die Frage nach dem Wert des menschlichen Handelns in der Welt und damit nach der Bedeutung des technischen, sozialen und wissenschaftlichen Fortschritts. Als historisches Beispiel erinnerte Leo XIV. daran, dass weniger als vier Jahre nach dem Ende des Konzils, in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1969, der Mensch erstmals den Mond betreten hatte.
Der Mensch, geschaffen nach dem Bild und Gleichnis Gottes, sei Subjekt des Fortschritts. Durch Freiheit und Vernunft erweitere er seine Erkenntnisse und lasse damit auch die Gesellschaft voranschreiten. Die Entwicklung der Lebensbedingungen über die Generationen hinweg mache dies nach den Worten des Papstes sichtbar. Gaudium et spes habe bereits festgestellt: „Die Folge von alldem ist, dass sich der Mensch heute viele Güter, die er einst vor allem von höheren Mächten erwartete, durch seine eigene Tat beschafft“ (GS 33). Leo XIV. stellte dieser Entwicklung eine Deutung gegenüber, die den technisch-wissenschaftlichen Fortschritt als eine Schwächung der Beziehung zu Gott verstanden habe. In dieser Sichtweise könne Gott bis zur Überflüssigkeit erscheinen oder sogar als Gegenpol zum menschlichen Fortschritt. Diese Auffassung habe den Blick des modernen Menschen auf die Welt gegenüber früheren Epochen verändert. Besonders in Teilen der westlichen Kultur habe sich ein solches Vorverständnis verbreitet, nachdem der Bezug zur christlichen Offenbarung verloren gegangen sei.
In den nachchristlichen Humanismen würden Mensch und Gott nach dieser von Leo XIV. beschriebenen Denkbewegung fälschlich als Rivalen gegenübergestellt. Der Mensch müsse sich von Gott emanzipieren, um seine Erkenntnis, seine Freiheit und seinen Fortschritt zu behaupten. Leo XIV. führte diesen Gedanken bis zu seiner Konsequenz: Wenn die Beziehung zu Gott verneint werde, gehe zugleich die Möglichkeit verloren, den transzendenten Wert der menschlichen Person zu begründen. Darin liege jenes „Drama des atheistischen Humanismus“, das der Konzilstheologe Henri de Lubac beschrieben habe (vgl. Le drame de l’humanisme athée, 1944).
Demgegenüber habe das Konzil eine andere Bestimmung menschlicher Tätigkeit vorgelegt. Gaudium et spes stelle fest: „Eines steht für die Glaubenden fest: das persönliche und gemeinsame menschliche Schaffen, dieses gewaltige Bemühen der Menschen im Lauf der Jahrhunderte, ihre Lebensbedingungen stets zu verbessern, entspricht als solches der Absicht Gottes“ (GS 34). Der menschliche Fortschritt erschien damit nicht als Bewegung weg von Gott. Vielmehr könne menschliches Handeln gerade innerhalb der Beziehung zu Gott seinen eigenen Sinn erhalten. Die Pastoralkonstitution gehe noch weiter und erkläre: „Den Christen liegt es deshalb fern, zu glauben, dass die von des Menschen Geist und Kraft geschaffenen Werke einen Gegensatz zu Gottes Macht bilden oder dass das mit Vernunft begabte Geschöpf sozusagen als Rivale dem Schöpfer gegenübertrete. Im Gegenteil, sie sind überzeugt, dass die Siege der Menschheit ein Zeichen der Größe Gottes und die Frucht seines unergründlichen Ratschlusses sind“ (ebd.). Leo XIV. erläuterte diesen Gedanken dahingehend, dass Gott die Schöpfung in die Hände von Mann und Frau gelegt habe, obwohl sie sich noch auf dem Weg befinde, „in statu viae“, also im Werden und in der Entwicklung. Der Mensch sei dazu berufen, sie durch sein vernünftiges und verantwortliches Handeln ihrer Vollendung entgegenzuführen.
An diesem Punkt stellte Leo XIV. den Zusammenhang mit dem Geheimnis der Menschwerdung her. Die Menschheit und mit ihr Arbeit, Fortschritt und die Eigenständigkeit der geschaffenen Wirklichkeiten würden durch die Begegnung mit Gott weder aufgesogen noch aufgehoben. Vielmehr werde die menschliche Wirklichkeit in ihrer Ganzheit angenommen und bleibe in Christus frei und tätig. In Christus finde sie ihre volle Wahrheit und Freiheit. Diese Sicht werde auch in der Eucharistie sichtbar. Brot und Wein, die Früchte menschlicher Arbeit, würden täglich zum Altar gebracht, um in den Leib und das Blut Christi verwandelt zu werden. Darin zeigte sich eine Beziehung zwischen menschlicher Tätigkeit und göttlichem Handeln, in der die geschaffene Wirklichkeit nicht verschwinde, sondern in einen anderen Horizont eintrete.
Aus dieser Perspektive folgte für Leo XIV. eine Konsequenz für das alltägliche Leben. Um Gott zu begegnen, müsse der Mensch seine irdischen Tätigkeiten nicht verlassen. Er könne vielmehr seine Berufung erfüllen, indem er seine tägliche Arbeit gut verrichte und sie heilige. Die Christen seien wie alle anderen Menschen am Aufbau der Stadt der Menschen beteiligt. Zugleich sollten sie auf das Ziel aller Dinge und auf die Begegnung mit Gott ausgerichtet bleiben und dieses letzte Ziel auch gegenüber jenen bezeugen, mit denen sie die Erfahrung des Fortschritts, der Wissenschaft und des Lebens teilten. Dabei unterschied Leo XIV. ausdrücklich zwischen dem irdischen Fortschritt und dem Wachstum des Reiches Christi. Der technische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Fortschritt sei nicht mit dem Reich Gottes gleichzusetzen. Dennoch könne er auf dieses Reich bezogen werden, insofern er zur Ordnung der menschlichen Gesellschaft beitrage. Gaudium et spes erkläre: „Obschon der irdische Fortschritt eindeutig vom Wachstum des Reiches Christi zu unterscheiden ist, so hat er doch große Bedeutung für das Reich Gottes. […] Alle guten Erträgnisse der Natur und unserer Bemühungen nämlich, die Güter menschlicher Würde, brüderlicher Gemeinschaft und Freiheit, müssen im Geist des Herrn und gemäß seinem Gebot auf Erden gemehrt werden; dann werden wir sie wiederfinden, gereinigt von jedem Makel, lichtvoll und verklärt“ (GS 39). So verband Leo XIV. die menschliche Tätigkeit mit einer eschatologischen Perspektive. Was der Mensch in der Welt hervorbringe, besitze seinen eigenen Wert und seine eigene Ordnung, bleibe aber auf eine Vollendung verwiesen, die nicht aus menschlicher Leistung allein hervorgehe. Menschliche Arbeit und menschlicher Fortschritt erhielten ihren Horizont aus der Hoffnung auf die Verwandlung der Schöpfung.
Zum Abschluss richtete Leo XIV. den Blick auf die Frage, unter welchen Bedingungen technischer und wissenschaftlicher Fortschritt zum menschlichen Fortschritt werden könne. Ein solcher Fortschritt müsse den ganzen Menschen und alle Menschen betreffen. Deshalb müsse er von der Liebe beseelt und auf sie ausgerichtet sein. Nur unter dieser Voraussetzung könne er dem Schutz der Würde des Menschen dienen und die Lebensbedingungen aller fördern, insbesondere der Benachteiligten. Leo XIV. beendete seine Katechese mit einem Bild, das Wissen und Können als gemeinsame Güter verstand. Das Zweite Vatikanische Konzil lade dazu ein, „das Brot des Wissens und des Könnens zu teilen“, damit jeder Mensch und jedes Volk seine Möglichkeiten entfalten könne. Auf diese Weise könne die Menschheit gemeinsam und mit Gottes Hilfe an einer Zukunft bauen, in der menschlicher Fortschritt nicht gegen Gott, sondern innerhalb der Beziehung zu ihm verstanden werde.
Die Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:
Herzlich grüße ich die Pilger deutscher Sprache, insbesondere die zahlreichen Schulgruppen auf Studienreise. Möge diese Erfahrung der Ewigen Stadt euch dazu anregen, die Schätze unserer christlichen Kultur und Geschichte immer besser kennenzulernen – Schätze, die nicht nur der Vergangenheit angehören, sondern auch Inspiration für die Zukunft sein können. Gott segne euch.
Foto (c) Vatican Media
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