„Meine Lieben! Darum soll der Rosenkranz nicht vergessen auf dem Boden einer Schublade liegen“

5. Oktober 2026 in Spirituelles


„Er soll in unserer Tasche, in unserer Handtasche oder neben dem Bett seinen Platz haben. Greifen wir im Laufe des Tages zu ihm: auf Reisen, beim Spaziergang oder in der stillen Müdigkeit des Abends.“ Predigt von Gerhard Cardinal Müller


Lublin (kath.net/pl) kath.net dokumentiert die Predigt Kardinal Gerhard Müller, emeritierter Präfekt der Glaubenskongregation, zum Festtag „Unsere Lieben Frau vom Rosenkranz“ in Lublin/Polen in der  Kirche Matki Bożej Różańcowej (Kirche Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz)  anlässlich ihres Patronatsfestes am 4. Oktober 2026 in voller Länge in eigener Übersetzung:

Hochwürdigster Erzbischof Stanisław, lieber Pfarrer Marek, liebe Mitbrüder im Priesteramt, liebe Ordensschwestern, in Christus, dem Herrn, geliebte Schwestern und Brüder!

Ich freue mich sehr, hier in Lublin der Feier zu Ehren Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz vorstehen zu dürfen.

Um die Macht des Rosenkranzes voll zu verstehen, müssen wir in das Jahr 1571 zurückblicken – genauer gesagt auf den 7. Oktober –, als sich das Schicksal unseres Glaubens und unserer Freiheit auf den Wassern des Golfs von Korinth, in der Seeschlacht von Lepanto, entschied. Die Lage war dramatisch. Die christliche Flotte, die sogenannte Heilige Liga, war zahlenmäßig weit unterlegen, schlechter bewaffnet und dem Untergang geweiht. Menschlich gesehen gab es keinerlei Aussicht auf einen Sieg. Da tat der damalige Papst, der heilige Pius V., etwas, das aus der Sicht militärischer Strategen wie Wahnsinn erschien. Anstatt nur nach irdischen Verbündeten zu suchen, rief er ganz Europa zur geistlichen Mobilisierung auf. Er bat jeden Kardinal, jeden Priester, jede Mutter, jeden Vater und jedes Kind, zum Rosenkranz zu greifen.

Am Tag der Schlacht füllten sich die Straßen Roms und anderer Städte mit Menschen, die kniend Maria um Rettung anflehten. Papst Pius V. selbst verharrte in seinen vatikanischen Räumen im Gebet. Und dann geschah ein Wunder, das Historiker bis heute beschreiben: ein plötzlicher Windwechsel. Im entscheidenden Moment der Schlacht änderte der Wind, der bis dahin in die Segel der Invasoren geblasen und die Schiffe der Christen abgedrängt hatte, plötzlich völlig seine Richtung. Zur gleichen Zeit unterbrach Papst Pius V. in Rom seine Arbeit, trat ans Fenster, und sein Gesicht hellte sich auf. Er wandte sich an seine Sekretäre und sagte: „Unser Herr hat uns einen großen Sieg geschenkt. Lasst uns Gott danken.“ Die Nachricht vom Seesieg erreichte Rom erst einige Tage später und bestätigte die Worte des Papstes auf die Minute genau. Als Dank für diese spektakuläre Rettung setzte der Papst den 7. Oktober als Fest Unserer Lieben Frau vom Siege fest. Zwei Jahre später änderte sein Nachfolger, Papst Gregor XIII., den Namen dieses Tages in das Fest Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz, das wir bis heute feiern.
Der Sieg bei Lepanto war nicht das Verdienst genialer Feldherren oder besserer Kanonen. Er war das Verdienst des Gebets zur Muttergottes.
Denn Maria ist nach Jesus, dem Sohn Gottes und einzigen Erlöser der Welt, die wichtigste Person der Heilsgeschichte. Durch ihr „Ja“ – als Antwort auf die Verkündigung des Engels – wurde sie in treuer Bereitschaft zur Mutter des ewigen Sohnes Gottes: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38). Von Maria nahm das ewige Wort, das mit dem Vater und dem Heiligen Geist ein einziger Gott ist, unsere menschliche Natur an. Maria ist eine historische Gestalt, ein wirklicher Mensch, eine Tochter Israels. Doch wer sie für Jesus ist und was sie für uns – seine Kirche – bedeutet, lässt sich bis heute nicht allein durch mythologische Metaphern oder existenzielle, zeitlose Wahrheiten deuten. Entscheidend ist das Verständnis ihrer Rolle im Horizont des göttlichen Heilsplans, den Gott in Jesus Christus geschichtlich verwirklicht hat.
Im Schoß der Gottesmutter nimmt der ewige Sohn Gottes unser Fleisch an und wohnt neun Monate lang in ihrem Leib; sie trägt ihn unter ihrem Herzen. Jesus Christus, der Gottmensch, bleibt inmitten seines Volkes und aller Völker gegenwärtig, die sich seiner Kirche anschließen, um eine einzige Familie Gottes zu bilden. Maria ist zudem das Urbild der Kirche. Sie ist die herausragende und vorbildliche Jüngerin ihres Sohnes. Sie ist uns ein leuchtendes Beispiel für die Liebe zu Gott über alles und für die Nächstenliebe wie zu sich selbst.
Am Pfingsttag, nachdem der auferstandene Herr zur Rechten des Vaters Platz genommen hatte, sandte Gott den Heiligen Geist auf die Apostel herab, die sich gemeinsam mit Maria, der Mutter Jesu, auf dieses Ereignis zu Beginn der Kirchengeschichte vorbereitet hatten. Die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils fassen ihre Beschreibung der Aufgabe Mariens in der Heilsgeschichte mit folgenden Worten zusammen: „Schließlich wurde die unbefleckte Jungfrau, von jedem Makel der Erbsünde frei bewahrt, nach Vollendung ihres irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen und vom Herrn als Königin des Alls erhöht, um ihrem Sohn, dem Herrn der Herren und dem Sieger über Sünde und Tod, vollkommener gleichgestaltet zu sein“ (Lumen gentium 59). Deshalb können wir als Glieder am Leib Christi, die wir zum himmlischen Jerusalem pilgern, unsere Bitten an sie richten. Denn sie ist bei Christus im Himmel. An der Spitze der Gemeinschaft aller Heiligen vereint sie sich mit unseren Gebeten. So empfiehlt sie uns selbst, unsere Familien, unser Volk, alle Völker und die ganze Kirche Gott dem Vater durch seinen Sohn im Heiligen Geist. Die liturgische und private Verehrung Mariens, aus deren Schoß uns das Heil der Welt geboren wird, zeigt uns deutlich, dass es keine Beziehung zu Gott außerhalb der sichtbaren Kirche, des Leibes Christi, gibt.

„Gott kann nicht mehr Vater haben, wer die Kirche nicht zur Mutter hat.“ (De unitate Ecclesiae 6). So formulierte es der heilige Bischof Cyprian von Karthago gegenüber all jenen, die sich von der Kirche – ihrer Mutter – trennen, sei es aus Hochmut oder auch nur aus Enttäuschung über die menschlichen Schwächen ihrer Vertreter. Als Braut und Leib Christi sowie als Tempel des Heiligen Geistes ist die Kirche die sakramentale Gegenwart des Wortes Gottes, das von Maria unser Fleisch angenommen hat und unter uns wohnte. Hier vollzieht sich die größte Einigung der gesamten Geschichte. Maria ist das wahre Sinnbild und das ewige Vorbild für die Erfüllung des Willens Gottes, der stets unser Heil und unser Glück wünscht.

Meine Lieben! Darum soll der Rosenkranz nicht vergessen auf dem Boden einer Schublade liegen. Er soll in unserer Tasche, in unserer Handtasche oder neben dem Bett seinen Platz haben. Greifen wir im Laufe des Tages zu ihm: auf Reisen, beim Spaziergang oder in der stillen Müdigkeit des Abends.

Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz erwartet unser kleines „Gegrüßet seist du, Maria“. Vertrauen wir Ihr mit jeder weitergeschobenen Perle unsere Sorgen, unsere Familien und unsere Zukunft an. Amen.

Archivfoto Kardinal Müller in seiner Titelkirche St. Agnese in Agone (c) kath.net


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