Hartl: Wenn das in Frankreich „Schülerproteste sind, warum weht so oft die Palästinenserfahne?“

21. Oktober 2026 in Aktuelles


Augsburger Theologe erinnert daran, dass sich in den ersten Jahrzehnten des Staates Israel die Linke sich interessanterweise „auf der Seite der Israelis gesehen“ und erst im Sechstagekrieg 1967 … eine Veränderung vorgenommen“ habe.


Augsburg-Paris (kath.net) „Was verbindet überhaupt das Anliegen Free Palestine mit anderen klassischen linken politischen Themen?“ So fragt der bekannte Augsburger Theologe, Gebetshausgründer, Autor und Konferenzredner Johannes Hartl in seiner Videoreihe „Hartls Senf“. Er bezieht sich auf die massiven Unruhen und Gewaltausbrüche vielerorts in Frankreich am vergangenen Wochenende. 

Hartl erinnert zunächst daran, dass er vor einem Jahr „ein Video gemacht über die Gefahr der politischen Rechten. Dieses Video beschäftigt sich mit einem potenziellen blinden Fleck der politischen Linken und mir scheint es absolut an der Zeit, dass wir dieses Thema benennen. Gerade wenn wir linke Forderungen auch für berechtigt halten. Diesen blinden Fleck müssen wir anschauen. Andernfalls steuern wir auf ein großes Problem in Europa zu.“

Dann fragt er: „Warum steht die Linke eigentlich so fest an der Seite der Palästinenser?“ Eine erste „einfache“ Antwort sei: „Weil wir Bilder von schrecklichem Unrecht und Leiden sehen und deswegen in uns was berührt wird.“ Auch „andere sogenannte linke Themen wie bezahlbarer Wohnraum oder krasse gesellschaftliche Diskriminierung sind Themen, die uns unmittelbar ansprechen“. Dann erinnert er aber daran, dass in den ersten Jahrzehnten des Staates Israel die Linke sich interessanterweise „auf der Seite der Israelis gesehen und erst als im Sechstagekrieg 1967 offenkundig war, dass Israel militärisch nicht zu besiegen war, hat die politische Linke eine Veränderung vorgenommen und sich auf die Seite der Palästinenser gestellt“.

Doch auch wenn Marx einen anderen Ansatz habe, sei zunächst das Problem, dass es im ganzen menschlichen Leben eine eindeutige Tätergruppe und eine eindeutige Opfergruppe einfach nicht gibt. Es gibt erstmal keine einheitliche Tätergruppe“. So stimmen „nicht alle Israelis … der Politik von Netanjahu zu. Sehr viele Israelis sind auch für eine Zweistatenlösung“, erinnert er und zählt dann weitere Gruppen auf, die alles andere als klar definierbare Täter-Opfer-Gruppen darstellen.

Er stellt fest: „Das entscheidende und damit möchte ich schließen ist, es gibt ein absolut berechtigtes Anliegen von sozialer Politik oder von der Linken, wenn du so möchtest, aber letztendlich zu Ende gedacht haben wir es hier mit einer fast schon einer Religion zu tun, nämlich der Vorstellung, dass der Mensch dann glücklich und friedlich wäre, wenn er ökonomisch überall die gleichen Bedingungen hätte. Und das ist nicht wahr. Menschen sind nicht alle gleich. Menschen sind sehr verschieden. Menschen sind sehr anfällig für das Böse. Auch in einer perfekten, chancengleichen Welt würden Menschen Böses tun. Und das Unheil der Welt, sei es im Nahenosten, sei es in Afrika, sei es für die Arbeiterschicht, sei es für wen auch immer, nur dadurch zu verorten, dass es eine Tätergruppe gibt und eine Opfergruppe ist ein wirklich abschüssiger Pfad.“ Emotionals sei dies natürlich befriedigend, „weil dann kann ich mich auf die Seite der Entrechteten stellen und ich bin einer von den Guten“.

Warum also stehe „die Linke so stramm an der Seite der Palästinenser? Der Palästinenser Konflikt ist unfassbar komplex. Weder sind in Israel alle böse, noch in Israel alle gut. Weder sind alle Palästinenser harmlose Opfer, noch sind sie alle böse. Wir sollten sehr vorsichtig sein, wo so eine gut- böse schwarz-weiß Optik entworfen wird.“

Archivfoto Johannes Hartl (c) Gebetshaus Augsburg


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