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Libertas als Auftrag für Mensch und Frieden

vor 13 Stunden in Aktuelles, keine Lesermeinung
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Papst Leo XIV. in San Marino: Freiheit, Gemeinwohl, Gewissen und Diplomatie als Grundlagen des Zusammenlebens. Ein „Laboratorium“ guter Politik zwischen Tradition, Europa und Menschenwürde. Von Armin Schwibach


San Marino (kath.net/as) Beim Pastoralbesuch in der Republik San Marino richtete Papst Leo XIV. seine Ansprache an die Capitani Reggenti, die Vertreter der staatlichen Institutionen und die Zivilgesellschaft. Im Mittelpunkt stand das Leitwort „Libertas“, das der Papst aus der Geschichte der ältesten bestehenden Republik der Welt heraus als Begriff für politische Selbstbestimmung, persönliche Freiheit, Gewissen, Gemeinschaft, Frieden und die Sorge um den Menschen deutete.

Zu Beginn seiner Ansprache erinnerte Leo XIV. an die Geschichte San Marinos und an die Verbindung des Landes mit dem Apostolischen Stuhl. Er verwies auf die Besuche seiner Vorgänger Johannes Pauls II. im Jahr 1982 und Benedikts XVI. im Jahr 2011 und erklärte, sein eigener Besuch stehe in dieser Linie und solle „das tiefe Band bestätigen, das den Titano mit dem Apostolischen Stuhl verbindet“. Dieses Band sei aufgrund der langen gemeinsamen Geschichte alt, zugleich aber auch neu, wenn man bedenke, dass erst im April 1926 die diplomatischen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Republik San Marino formalisiert worden seien. Aus der Geschichte der Republik leitete Leo XIV. den zentralen Begriff seiner Ansprache her. San Marino habe in seiner langen Geschichte die Worte lebendig gehalten, die als geistliches Vermächtnis seines Gründers bezeichnet werden könnten: „Relinquo vos liberos ab utroque homine“. Ihre Zusammenfassung finde sich im Wahlspruch „Libertas“. Der Papst hielt bei diesem Begriff inne: „Ein einziges Wort, aber von welcher Dichte!“.

Im Zusammenhang mit der Geschichte eines Volkes und eines Staates drücke „Libertas“ zunächst das Streben aus, sich selbst zu bestimmen und nicht von anderen politischen Autoritäten abhängig zu sein. Zugleich bedeute Freiheit mehr. Leo XIV. stellte deshalb die politische Freiheit in einen Zusammenhang mit der Freiheit der Person: „Es gibt keine wahre bürgerliche Freiheit ohne persönliche Freiheit“, also ohne die Achtung und Förderung der Würde des Menschen, zu der die Freiheit wesentlich gehöre. Diese Freiheit sei letztlich von Gott gegeben und gewährleistet, dessen Stimme im Gewissen jedes Menschen widerhalle. Die Förderung der Freiheit bedeutete nach den Worten des Papstes daher auch, „die Räume des Gewissens zu verteidigen“. Sein Blick richtete sich auf die Menschen, die in unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten zu Zeugen der Freiheit geworden seien, weil sie dem Vorrang des Gewissens treu geblieben seien. Fest in der Suche nach der Wahrheit gebildet, seien sie für ihre Entscheidungen verantwortlich und damit frei von jeder Bindung, die nicht jene Bindung des Geschöpfes an Gott sei.

Als Beispiel führte Leo XIV. den heiligen Thomas Morus an, den Patron der Regierenden und Politiker. Auch in der Gegenwart gebe es in vielen Teilen der Welt Menschen, die ihrem Gewissen selbst unter Bedingungen großer Bedrängnis treu blieben. Sie seien Zeugen jener Freiheit, die daraus hervorgehe, Söhne und Töchter Gottes zu sein. Der Papst verband damit ein Zeichen der Solidarität: „Mit Bewunderung bringen wir unsere Solidarität mit all jenen zum Ausdruck, die in diesem Augenblick persönlich dafür bezahlen, dass sie ihr Gewissen nicht verraten haben“.


Freiheit erschöpfe sich jedoch nicht in der Unabhängigkeit des Einzelnen. Sie verwirkliche sich vielmehr „in der Hingabe, in der Gemeinschaft, in der Begegnung und im Dialog“. Leo XIV. gebrauchte dafür das Bild einer Pflanze, die wachse und Zweige und Blätter hervorbringe, um allen Sauerstoff, Schatten, Duft, Früchte und neue Samen zu schenken. Der Ursprung dieser Freiheit liege nach christlichem Verständnis in Gott, der „Quelle, die die Eine und Dreifaltige Liebe ist“. Der Papst räumte ein, dass dieser theologische Bezug zunächst über das Politische hinauszugehen scheinen könne. Angesichts einer „Vergötzung“, die politische und wirtschaftliche Projekte an ihrer Wurzel verderbe, sei dieser Bezug jedoch notwendig. Projekte könnten im Namen der Freiheit auftreten und zugleich den Götzen und der Macht verfallen. Damit verband Leo XIV. die Freiheit unmittelbar mit der Frage nach der politischen Ordnung: „In der christlichen Sicht stehen oder fallen Freiheit und Gemeinschaft zusammen“. Als Zeugnis dafür verwies er auf die Heiligen, die Gemeinschaftsformen begründet hätten, in denen Menschen ihre Freiheit im Gehorsam gegenüber einer auf dem Evangelium beruhenden Regel gelebt hätten. Für San Marino und seine Geschichte sei dabei die Erinnerung an die Gründerfiguren San Marino und San Leo von besonderer Bedeutung. Sie ließen sich als „Baumeister freier und friedlicher Städte“ verstehen.

Leo XIV. stellte diese Gründungsgeschichte in einen biblischen Zusammenhang. Das Werk der Gründer könne unter dem Bild des Wiederaufbaus Jerusalems verstanden werden, den der Prophet Nehemia geleitet habe. Dieses Bild stehe dem Turmbau zu Babel gegenüber und bilde nach den Worten des Papstes die „positive“ biblische Gestalt des gemeinschaftlichen Aufbaus. Dabei gehe es nicht zuerst um Steine, sondern um Beziehungen. Das Werk Nehemias sei vom Gebet getragen gewesen, habe die Familien und das ganze Volk einbezogen und „baut die Bande noch vor den Steinen“. Der Stil sei Gemeinschaft und nicht Uniformität: „die Harmonie, die entsteht, wenn jeder seinen Teil übernimmt und das ganze Volk erkennt, dass seine Kraft vom Herrn kommt“. In diesem Zusammenhang würdigte der Papst die Arbeit der Gründer San Marinos und stellte sie zugleich in Beziehung zur Arbeitsamkeit und zum Erfindungsgeist des Landes und seiner Bevölkerung. Freiheit zeigte sich für ihn damit nicht als bloße Abwesenheit äußerer Herrschaft, sondern als Fähigkeit, gemeinsam Verantwortung für eine politische und gesellschaftliche Ordnung zu übernehmen.

Ein weiterer Schwerpunkt der Ansprache lag auf dem Einsatz San Marinos für den Frieden. „Libertas“ bedeute für die Republik auch ein Engagement für eine aktive und positive Beteiligung am Aufbau des Friedens. Leo XIV. verwies dabei auf eine Übereinstimmung mit der Haltung des Heiligen Stuhls und nannte Diplomatie und Multilateralismus als Wege, um internationale Beziehungen zu pflegen und die Verständigung zwischen den Nationen zu fördern. In diesem Zusammenhang zitierte er aus seiner Enzyklika „Magnifica humanitas“: „Entgegen der impulsiven Kommunikation, der aggressiven Rhetorik und der Machtlogik, die unsere Zeit prägen, »besteht die Berufung der Diplomatie gerade darin, den Dialog mit allen zu fördern, auch mit jenen Gesprächspartnern, die als „unbequem“ gelten oder denen man die Legitimation für Verhandlungen absprechen möchte«, wobei mit äußerster Demut und Geduld vorgegangen wird, um selbst die geringsten Anzeichen von gutem Willen bei den Konfliktparteien zusammenzuführen und so einen Friedensprozess in Gang zu setzen

 

 

Gegen die impulsiven Mitteilungen, die aggressive Rhetorik und die Logiken der Macht, die unsere Zeit prägen, besteht die Berufung der Diplomatie darin, den Dialog mit allen zu fördern, auch mit Gesprächspartnern, die als besonders ‚unbequem‘ gelten oder mit denen man nicht für legitimiert hält, zu verhandeln, und dabei bis zum Äußersten Demut und Geduld einzusetzen, um die schwächsten Zeichen des guten Willens der Konfliktparteien wieder zusammenzufügen und so eine Befriedung einzuleiten“ (224). Damit verband Leo XIV. die Geschichte San Marinos mit einer Frage der internationalen Ordnung. Diplomatie müsse gerade dort ansetzen, wo Kommunikation von Impulsivität, politische Sprache von Aggressivität und internationale Beziehungen von Machtlogiken bestimmt würden. Der Dialog dürfe dabei nicht auf diejenigen beschränkt werden, mit denen Verhandlungen leicht erschienen.

Im Anschluss wandte sich der Papst der besonderen politischen Situation eines kleinen Staates zu. Der Besuch habe ihn, ähnlich wie zuvor im Fürstentum Monaco, dazu geführt, „den besonderen Wert eines kleinen, ‚menschengerechten‘ Staates hervorzuheben, in dem es möglich ist, die Nähe der Politik zu den Bedürfnissen der Bürger und damit eine wirksamere Demokratie zu erfahren, umso mehr, wenn sie auch von christlicher Inspiration getragen wird“. San Marino könne deshalb ein „Laboratorium“ guter Politik sein. Dabei müsse die staatliche Säkularität nicht aufgegeben werden. Zugleich könne die Republik auf Grundsätze der katholischen Soziallehre zurückgreifen: die Suche nach dem Gemeinwohl, die universale Bestimmung der Güter, das Zusammenspiel von Subsidiarität und Solidarität sowie die soziale Gerechtigkeit. Diese Grundsätze gewännen nach den Worten des Papstes auch im Blick auf das Verhältnis San Marinos zur Europäischen Union an Bedeutung.

Leo XIV. verwies auf das bevorstehende Wirksamwerden des Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union. San Marino werde dadurch dauerhaft, wenn auch in besonderer Weise, mit einer komplexen politischen Wirklichkeit verbunden sein. Diese könne „großen Nutzen aus eurem Beitrag“ ziehen. Der Papst sah darin zugleich eine Aufgabe für San Marino, seine eigenen Erfahrungen und seine politische Tradition in einen größeren europäischen Zusammenhang einzubringen. Noch tiefer liege jedoch das eigentliche Ziel dieses politischen „Laboratoriums“: „die Sorge um den Menschen“. Eine Gemeinschaft wie San Marino, die zugleich reich an traditionellen Werten und technologisch auf der Höhe der Zeit sei, könne dieses Ziel verfolgen, indem sie sich um jeden Menschen und um jedes menschliche Leben in allen seinen Phasen kümmere, „von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod“.

Daran schloss Leo XIV. einen längeren Abschnitt aus „Magnifica humanitas“ an: „Der Wert einer Zivilisation lässt sich nicht an der Macht ihrer Mittel messen, sondern an der Fürsorge, die sie zu leisten vermag, an der Fähigkeit, den Mitmenschen als ein personales Gegenüber und nicht nur als Funktion zu sehen. Die Fähigkeit, füreinander zu sorgen, ist eine wichtige Dimension unseres Menschseins. […] Technologie kann auch die Fürsorge der Menschen untereinander unterstützen, zum Beispiel, wenn sie Instrumente zur Verfügung stellt, die bei der Planung und Organisation helfen, ohne jedoch die Freiheit und das Urteilsvermögen des Menschen zu beschneiden, der Subjekt der Beziehungen ist und verantwortlich für die Entscheidungen“ (114). Damit verband der Papst die Frage des technischen Fortschritts mit einer Anthropologie, in deren Mittelpunkt nicht die Funktionalität des Menschen, sondern seine Person stand. Technologie könne der menschlichen Sorge dienen, dürfe aber nicht an die Stelle menschlicher Freiheit und Urteilskraft treten.

Die „Sorge um den anderen“ erkannte Leo XIV. zugleich als Merkmal der Geschichte San Marinos. Sie habe sich von den Anfängen an in einer Tradition der Aufnahme gezeigt, die über die Jahrhunderte gegenüber Menschen bestanden habe, die litten oder sich in einer Prüfung befanden. In jüngerer Zeit habe sich diese Haltung in der Unterstützung und Aufnahme ukrainischer Menschen gezeigt, insbesondere zu Beginn des Konflikts. Ebenso verwies der Papst auf den Einsatz San Marinos für das humanitäre Völkerrecht in einer Zeit, in der dieses Recht täglich missachtet oder sogar mit Füßen getreten werde. Diese Haltung führte Leo XIV. auf die christliche Tradition des Landes und auf die Zusammenarbeit zwischen den politischen Autoritäten und dem Bischof bei der Suche nach dem Gemeinwohl zurück. Am Ende seiner Ansprache dankte er für dieses Engagement und diese Zeugenschaft und verband damit eine Aufforderung an Regierende, Bürger und kirchliche Gemeinschaft, sich weiterhin für die Würde jedes Menschen und das Gemeinwohl einzusetzen.

Die Freiheit, die Leo XIV. in San Marino unter dem Leitwort „Libertas“ betrachtete, erschien damit als ein Zusammenhang von Gewissen und Wahrheit, persönlicher Würde und politischer Verantwortung, Gemeinschaft und Dialog, Diplomatie und Frieden sowie Sorge um den Menschen. Die Geschichte der Republik wurde dabei zum Ausgangspunkt einer politischen Anthropologie, in der Freiheit nicht gegen Gemeinschaft stand, sondern in ihr ihre konkrete Gestalt erhielt. Am Ende erneuerte der Papst seinen Ausdruck der Freude über den Besuch in der Republik San Marino und erbat für alle den Segen des Herrn.

 


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