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„Ich lasse euch nicht als Waisen zurück“

vor 7 Stunden in Spirituelles, keine Lesermeinung
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„Christus ist nicht nur eine Erinnerung. Er ist der Lebendige. Nicht mehr nur neben den Jüngern, sondern in ihnen. Nicht mehr nur vor ihren Augen, sondern in ihrem Herzen.“ Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) Predigt zum 6. Sonntag der Osterzeit (A) – Joh 14,15–21

I. Ein Wort, das trägt
Liebe Schwestern und Brüder, es gibt Worte, die bleiben. Worte, die nicht laut sein müssen, um tief zu wirken. Ein solches Wort hören wir heute aus dem Mund Jesu: „Ich lasse euch nicht als Waisen zurück.“

Jesus spricht dieses Wort in einer Stunde des Abschieds. Die Jünger spüren: Etwas geht zu Ende. Der vertraute Weg mit Jesus wird sich verändern. Und gerade in diese Angst hinein sagt Jesus nicht: Ihr müsst jetzt stark sein. Er sagt nicht: Ihr werdet das schon allein schaffen. Sondern er sagt: Ihr seid nicht allein. Ihr werdet nicht verlassen.

Das ist nicht nur ein Wort für die Jünger damals. Es ist auch ein Wort für uns heute. Denn auch wir kennen Einsamkeit, innere Müdigkeit und die stille Frage: Wer trägt eigentlich mich?

In genau diese Frage hinein spricht Christus: Du bist nicht vergessen. Du bist nicht allein. Du bist nicht aus Gottes Hand gefallen.

II. Abschied, der nicht Verlassenheit wird
Abschiede gehören zum Leben. Wir erleben sie am Bahnsteig, am Krankenbett, an Türen, die sich schließen, in Beziehungen, die sich verändern, in Lebensphasen, die zu Ende gehen. Abschied kann weh tun. Sie hinterlassen manchmal Leere und Angst. Auch die Jünger Jesu stehen vor einem Abschied. Aber der Abschied Jesu ist anders. Er geht nicht weg, um fern zu sein. Er geht zum Vater, um auf neue Weise nahe zu sein.

Darum sagt er: „Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben.“ Christus ist nicht nur eine Erinnerung. Er ist der Lebendige. Nicht mehr nur neben den Jüngern, sondern in ihnen. Nicht mehr nur vor ihren Augen, sondern in ihrem Herzen.


III. Der Heilige Geist – Gottes Nähe in uns
Jesus nennt diesen Beistand den Geist der Wahrheit. Im griechischen Urtext heißt er Paraklet: Beistand, Helfer, Tröster, Anwalt.

Der Heilige Geist ist nicht eine fromme Idee. Er ist Gottes Nähe in uns. Er ist die stille Kraft, die uns aufrichtet, wenn wir müde werden. Er ist der Trost, der nicht billig vertröstet. Er ist das Licht, das uns Wahrheit zeigt, ohne uns zu zerstören, sondern um uns zu heilen. Denn Wahrheit ohne Liebe kann hart werden. Liebe ohne Wahrheit kann oberflächlich bleiben. Der Geist Jesu aber verbindet beides: Wahrheit und Liebe. Klarheit und Barmherzigkeit. Erkenntnis und Hoffnung.

Manchmal sehen wir Schuld, Schwäche und Versagen in unserem Leben. Aber der Heilige Geist kommt nicht, um uns niederzudrücken. Er sagt aber auch nicht: Es war alles nur halb so schlimm. Er sagt vielmehr: Du darfst neu beginnen. Das ist der Trost Gottes. Er öffnet nicht unsere Wunden, um uns zu beschämen. Er berührt sie, damit sie heilen.

IV. Die Liebe – der Anfang aller Gebote
Dann sagt Jesus: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ Dieses Wort meint nicht Druck oder Leistung. Am Anfang steht die Liebe. Wer sich geliebt weiß, kann anders leben. Wer Barmherzigkeit erfahren hat, kann selbst barmherzig werden. Augustinus von Hippo sagt sinngemäß: Dem Liebenden werden die Gebote leicht. Denn was wir nur aus Pflicht tun, macht uns das Leben oft schwer. Was wir aus Liebe tun, trägt uns selbst durch Mühen hindurch. Darum sind die Gebote Jesu keine kalten Vorschriften. Sie sind Wege zum Leben. Franz von Sales sagt: „Die Liebe allein bestimmt den Wert unseres Tuns.“

V. Spuren der Liebe
Albert Schweitzer hat einmal gesagt: „Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren von Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.“

Jesus hinterlässt seinen Jüngern genau solche Spuren: seine Nähe zu den Kranken, sein Erbarmen mit den Sündern, seine Geduld mit den Schwachen, seine Treue bis zum Kreuz.

Darum dürfen auch wir uns fragen: Wo kann ich heute einem Menschen zeigen: Du bist nicht allein? Oft sind es keine großen Taten. Ein gutes Wort. Ein geduldiger Blick. Ein Anruf. Ein Gebet. Ein Verzicht auf ein hartes Wort. - Solche Spuren der Liebe sind vor Gott nicht klein.

VI. Christus sehen mit dem Herzen
Jesus sagt: „Die Welt sieht mich nicht; ihr aber seht mich.“ Wie können wir Christus sehen? Nicht nur mit den Augen, sondern mit dem Herzen. Gregor der Große sagt: „Die Liebe selbst ist ein Auge.“ Wer liebt, sieht tiefer.

Manchmal spüren wir mitten im Alltag: Christus ist da. In einem tröstenden Wort. In einer Stille, die trägt. In der Eucharistie. In einem Augenblick, in dem wir plötzlich wissen: Ich bin gehalten. Der Glaube ist nicht immer ein starkes Gefühl. Oft ist er ein leises und zaghaftes Vertrauen. Aber auch dieses leise Vertrauen ist kostbar.

VII. Leben im Licht von Ostern
Dann spricht Jesus den großen Satz: „Ich lebe – und auch ihr werdet leben.“ Das ist das Herz des heutigen Evangeliums. Jesus sagt dieses Wort vor seinem Leiden, vor dem Kreuz. Darum ist es glaubwürdig. Christus kennt Angst, Schmerz und Tod. Aber er geht hindurch zum Leben.

Christliches Leben bedeutet nicht: Alles wird leicht. Aber es bedeutet: Auch das Schwere ist nicht mehr ohne Hoffnung. Nicht weil wir stark sind, dürfen wir hoffen. Sondern weil er lebt.

VIII. Schluss: Nicht Waisen, sondern Kinder Gottes
Liebe Schwestern und Brüder, Christsein bedeutet letztlich: in Gottes Liebe wohnen. Der Vater liebt uns. Der Sohn bleibt bei uns. Der Heilige Geist wohnt in uns.

Darum dürfen wir heute mit Freude aus diesem Evangelium mitnehmen: Wir sind nicht allein. Wir sind nicht verlassen. Christus lebt. Seine Liebe trägt uns.

Bitten wir den Heiligen Geist: Mach unser Herz weit. Mach unsere Liebe geduldig. Mach unseren Glauben froh. Mach unser Leben zu einer Spur deiner Liebe. Damit Menschen durch uns etwas von Christus spüren. Damit Einsame Nähe erfahren. Damit Verwundete Trost finden. Denn Christus hat uns versprochen: „Ich lasse euch nicht als Waisen zurück.“

Und weil er lebt, werden auch wir leben. Amen.

Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.


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