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Kardinal Aveline: „Der christliche Glaube hat heute viel mit Widerstand zu tun“

vor 29 Stunden in Weltkirche, 3 Lesermeinungen
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Vorsitzender der französischen Bischofskonferenz äußert sich über den Anstieg bei Konversionen zur katholischen Kirche: „Wir hatten den Weg zur Tür angelegt, doch sie kamen durch das Fenster herein. Wir müssen mit dem Heiligen Geist zusammenarbeiten“


Paris (kath.net/pl) „Wir sind frei: frei, zu dem einen Ja und zu dem anderen Nein zu sagen; wir können uns gegen die Art und Weise wehren, wie wir heute Gefahr laufen, ausgebeutet, geformt und gleichgeschaltet zu werden.“ Dies erläutert der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz, Kardinal Jean-Marc Aveline (Erzbischof von Marseille), im Interview mit der italienischen Zeitung „Avvenire“. Doch man müsse „den Weg der Innerlichkeit wiederfinden, und indem wir das tun, entdecken wir auch den Weg zur Freiheit neu. Und Freiheit ist der Anfang des Widerstands“, führt Kardinal Aveline weiter aus. Dabei habe der christliche Glaube „heute viel mit Widerstand zu tun: nicht mit dem Martyrium der ersten Jahrhunderte, sondern mit Widerstand gegen die Abstumpfung des Gewissens – ein Zustand, der uns die Kraft raubt zu glauben, frei zu sein und Entscheidungen zu treffen. Wie der heilige Paulus sagt: Ihr habt einen Geist empfangen, der euch zu freien Menschen macht.“

Mit Blick auf die auffallende Zunahme von Katechumenen in der französischen Kirche schildert Kardinal Aveline: „Seit fünf oder sechs Jahren beobachten wir das unerwartete Phänomen, dass Menschen um die Taufe und Firmung bitten. Es handelt sich um junge Erwachsene – im Alter von 25 bis 35 Jahren –, aber inzwischen auch um Schüler im Alter von 16 bis 18 Jahren. Zunächst dachten wir, es handele sich um ein einmaliges Ereignis, doch der Trend verstärkt sich von Jahr zu Jahr.“ Aveline wirft zunächst einen Blick auf die Zahlen: „Im Jahr 2025 waren es landesweit 21.000; im Jahr zuvor 17.000 und im Jahr davor 15.000. Die Prognosen für 2026 deuten auf einen weiteren Anstieg hin.“ Dann stellt er fest, dass es sich dabei „also nicht nur um eine vorübergehende Erscheinung“ handle. Er räumt ein, dass „die Versuchung“ bestehe, „stolz auf diese Zahlen zu sein – und zwischen den Diözesen sogar zu vergleichen, wer mehr oder weniger davon hat –, was nur allzu menschlich ist. Das Gegenmittel gegen diese Versuchung ist die Erkenntnis, dass die Wege, auf denen diese jungen Menschen hierher gelangt sind, nicht jene sind, die wir für sie bereitet hatten. Wir hatten den Weg zur Tür angelegt, doch sie kamen durch das Fenster herein. Wir müssen mit dem Heiligen Geist zusammenarbeiten; er ist es, der diese Wege bereitet.“


Man müsse, so Aveline, konkret „auf die Wege hören, die sie hierher geführt haben, und über sie nachdenken“.

Es gebe bei diesem Weg zum Glauben „gewisse Konstanten“, so der Kardinal:

  • Oft werfe „ein tief einschneidendes Ereignis – ein Trauerfall, eine Krankheit, eine familiäre Krise oder eine persönliche Enttäuschung – eine Frage auf. 
  • Auch könne „die Begegnung mit Gläubigen im gleichen Alter“ helfen: „ein Zeugnis, das oft sehr zurückhaltend ist, aber – wenn sie sich aus irgendeinem Grund darauf einlassen – zu tief bedeutsamen Begegnungen führt. Eines Abends traf ich bei einem Pastoralbesuch in den nördlichen Stadtvierteln von Marseille – den ärmsten Gegenden – eine Gruppe junger Erwachsener. Jemand erzählte, wie er einen nicht gläubigen Kollegen eingeladen hatte, der wiederum einen weiteren mitbrachte; so wurden aus einer Person drei. Diese Begebenheit erinnerte mich an die Apostelgeschichte und die frühe Kirche, an jene Einladung ‚Komm und sieh‘, die von einem zum anderen weitergegeben wurde.“
  • „Oft zeigt sich als Grund für diese Rückkehr zum Glauben auch das Bedürfnis nach Frieden und nach einem Orientierungspunkt in einer ‚flüssigen‘ Gesellschaft – einer Gesellschaft, in der das öffentliche Leben so viele Zerbrechlichkeiten offenbart. In einem Brief schilderte mir jemand, wie er auf dem täglichen Weg zur Arbeit an einer Kirche vorbeikam und eines Tages den Impuls verspürte, hineinzugehen und innezuhalten; in dieser Stille fand er den Frieden, den er gesucht hatte. Er begann, dort täglich Halt zu machen, und entdeckte, dass dieser Frieden Teil seines Lebens wurde und ihm guttat. Später, als er auf die zum Gottesdienst versammelte Gemeinde stieß, blieb er und schloss sich ihr an – dies markierte den Beginn seines eigenen Weges.“
  • Außerdem gebe es „jene, die muslimische Freunde haben, welche beten und den Ramadan begehen; dies fordert sie heraus und veranlasst sie zu der Frage, was es für sie selbst bedeutet, Christ zu sein. Da sie die Antwort nicht kennen, wenden sie sich an das Internet, um grundlegende Fragen zur christlichen Glaubenspraxis zu stellen. Einmal erlebte ich die Kirche bei der Messe am Aschermittwoch voller junger Menschen – junger Menschen, die durch die Art und Weise, wie ihre muslimischen Freunde die Fasten- und Bußzeit begingen, zum Nachdenken angeregt worden waren. Durch das Zeugnis von Muslimen entdeckten sie ihre eigene christliche Identität neu.“

Aveline sagt, dass „all dies … eine pastoral faszinierende Bewegung entstehen“ entstehen lasse, „eine Bewegung, die die Kirche nun vor eine Herausforderung stellt und eine Antwort verlangt. Die Menschen, die kommen, sind verletzlich und müssen im Evangelium Wurzeln schlagen. Es ist offensichtlich, dass hier ein ernsthaftes, tiefgreifendes Streben am Werk ist, denn es entspringt dem wirklichen Leben.“

Es sei die Sendung der Kirche, mit dem Heiligen Geist zusammenzuarbeiten – jenem Geist, der uns immer gerade dann überrascht, wenn wir mit unseren eigenen Plänen beschäftigt sind“. Wichtig sei auch der Aspekt, dass „den zwischenmenschlichen Beziehungen in den christlichen Gemeinschaften … große Aufmerksamkeit geschenkt werden“ müsse, „damit wir unser Zeugnis durch die Pflege des Gemeinschaftslebens voll entfalten können. Eine dritte große Herausforderung ist die Vertiefung des Glaubensverständnisses: Auch wenn diese Wege bisweilen mit einem starken emotionalen Erlebnis beginnen, ist es im Anschluss notwendig, in das Geheimnis des Glaubens einzudringen – in das, was ihn in seiner Katholizität einzigartig macht. Die Diözesen der Île-de-France haben eine Versammlung ins Leben gerufen, die sich drei Jahre lang mit diesem Thema befassen wird; auch andere französische Diözesen können Delegierte entsenden, um die Beratungen zu verfolgen. In Marseille haben wir einen Diözesanrat für Neophyten – also getaufte Katechumenen – eingerichtet, da diese einer umfassenden Glaubensunterweisung bedürfen.“

Wenn Papst Leo demnächst Frankreich besuchen wird, werde dies „ein Anlass zur Erneuerung im Glauben sein. Unter anderem wird der Papst mit Katechumenen zusammentreffen; dies wird sicherlich eine Ermutigung für eine Kirche sein, die neue Wege des Glaubens entdeckt. Die französische Kirche hat eine tiefgreifende Säkularisierung erlebt, doch nun regt sich etwas Neues. Der Heilige Geist kann jedoch nur wirken, wenn wir demütig bleiben und uns den anstehenden Herausforderungen stellen. Ich lege großen Wert darauf, eine starke Verbindung zwischen Glaube und Leben zu schaffen – ganz im Sinne von Madeleine Delbrêl –, damit der anfängliche Eifer derer, die hochmotiviert zum Glauben finden, nicht an der Oberfläche haften bleibt.“

Archivfoto Kardinal Aveline (c) Erzbistum Marseille


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Lesermeinungen

 SarahK vor 7 Stunden 
 

Warum Frankreich und nicht Deutschland?

Frankreich erlebt sw nicht deshalb einen katholischen Aufbruch, weil die Kirche dort moderner geworden ist, sondern weil sie nach der Säkularisierung wieder als etwas Eigenständiges sichtbar wird. Deutschland zeigt eine Kirche die gleichzeitig gesellschaftlich etabliert und geistlich entleert ist . Glückwunsch!
Wo das Christentum zum Gegenentwurf wird, kann es wieder entdeckt werden. Wo es nur noch als Bestandteil des gesellschaftlichen Establishments erscheint, verliert es gerade für junge Menschen seine Anziehungskraft. Und irgendwann wenn der letzte „gerafft“ hat, dass man für MTD keine Kirche braucht, und die Bruderschaften sich abtrennen weil man ja wie der Priester predigt, durch gutes tun in den Himmel kommt, dann gehen die Lichter überall da aus wo man nicht jetzt zum Kern (Sakramente inkl Beichte plus Anbetung) zurück kehrt, denn nur Christus kann bekehren. Ich frag mich echt welche Berater die Kirche hat und will nicht wissen wieviel die für ihre schlechte Arbeit erhalten.


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 Versusdeum vor 12 Stunden 
 

Falsch abgebogen

"... da diese einer umfassenden Glaubensunterweisung bedürfen. ... Die französische Kirche hat eine tiefgreifende Säkularisierung erlebt..." Beides trifft massiv auch auf die Kirche bei uns zu (Laien wie Klerus, ja, sogar viele Bischöfe!), die meinte, mit immer mehr Anpassung an den Zeitgeist und dem Weglassen aller unbequemen (aber heilsnotwendigen!) Aussagen Jesu und seiner Apostel bzw. Lehren der Bibel mehr Menschen anzusprechen, die sich aber gerade dadurch beliebig und scheinbar überflüssig machte. Denn wieso sollte man jeden Sonntag in die Kirche gehen, wenn man sowieso zwangserlöst ist und in den Himmel kommt, egal, was man tut oder lässt? Ein buchstäblich auf ewig fataler Irrtum, denn die Hölle, vor der Jesus wieder und immer wieder gewarnt hat, ist Realität (und nein, sie ist auch nicht leer!)!


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 SpatzInDerHand vor 26 Stunden 

„Der christliche Glaube hat heute viel mit Widerstand zu tun“

Ja, Herr Kardinal, das ist auch meine Erfahrung. Leider schließt sich eine große Mehrheit der Bischöfe hier im deutschen Sprachraum Ihrer und meiner Erfahrung nicht wirklich an.


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