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| ![]() Die Bibliothek als Herz des kirchlichen Gedächtnisses. ‚Nimm und lies!‘ - Die Unruhe der Wahrheitvor 1 Stunden in Aktuelles, keine Lesermeinung Leo XIV.: Die Verbindung von Bewahrung, Forschung und kultureller Öffnung. Die Bibliothek: Ein Herz mit Systole und Diastole. Über das Gedächtnis, die Suche nach Wahrheit und die Zukunft der Vatikanischen Bibliothek. Von Armin Schwibach Rom (kath.net/as) An seinem 71. Geburtstag besuchte Papst Leo XIV. erstmals seit seiner Wahl zum Obersten Hirten der Kirche die Apostolische Bibliothek des Vatikans und eröffnete dabei die Ausstellung „AQVA - Katastrophen und Wunder“. Zu Beginn seiner Ansprache erinnerte der Papst daran, dass die Vorsehung Gottes den Menschen bisweilen auch durch einen gewissen Humor daran erinnere, dass Gott gegenwärtig sei. „Viele von Ihnen wissen vielleicht nicht, dass meine Mutter Bibliothekarin war, und heute befinde ich mich hier zu meinem Geburtstag, um Sie alle zu begrüßen“. Leo XIV. dankte dem Archivar und Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche, Erzbischof Pagazzi, und begrüßte die Präfekten und Vizepräfekten der Apostolischen Bibliothek und des Apostolischen Archivs sowie die dort tätigen Mitarbeiter. Ebenso wandte er sich an die Präsidentin des Governatorats und an die Freunde und Wohltäter der Einrichtungen, denen er seine Anerkennung aussprach. Sein Besuch, so führte der Papst aus, erfolgte „zum ersten Mal als Papst“ in der Vatikanischen Bibliothek und stand damit in der Spur seiner Vorgänger. Darin erkannte er ein Zeichen für die Nähe und Wertschätzung des Papstes gegenüber der Aufgabe des Apostolischen Archivs und der Apostolischen Bibliothek: Beide Einrichtungen dienten der Entwicklung und Verbreitung der Kultur zum Wohl der Kirche und der gesamten Menschheit. Leo XIV. verwies dabei auf die Apostolische Konstitution Praedicate Evangelium, nach der das Apostolische Archiv der „Bewahrung und Nutzung der Akten und Dokumente, die die Leitung der Gesamtkirche betreffen“ (vgl. PE 242), sowie deren Erforschung diene. Die Apostolische Bibliothek habe die Aufgabe, „über ihre verschiedenen Sektionen ein überreiches wissenschaftliches und künstlerisches Erbe zu sammeln und zu bewahren und es den Gelehrten auf der Suche nach der Wahrheit zugänglich zu machen“. Von der Vorstellung einer Bibliothek als eines stillen und ruhigen Ortes ausgehend, entwickelte Leo XIV. ein Verständnis des Buches, das über die bloße Bewahrung von Texten hinausging. Bücher seien zwar schweigsam und verlangten nach Stille. Zugleich könne ein Buch, so der Papst, „auf der einen Seite Frieden bringen, auf der anderen Seite aber Unruhe entfachen, den Wunsch und den Mut zur Forschung nähren“. Das Buch beruhige also nicht, indem es die Suche beende. Es könne vielmehr eine Suche eröffnen und vertiefen. Als Beispiel verwies Leo XIV. auf den heiligen Augustinus. Dieser sei ein Sinnbild für diese Dynamik. Augustinus habe, von inneren Kräften bewegt, die miteinander rangen, jahrelang, wie er selbst schrieb, „verzweifelte Schreie ausgestoßen“, bis er die Stimme eines Kindes gehört habe: „Nimm und lies, nimm und lies“. Daraufhin habe Augustinus ein Buch aus den Händen eines Freundes genommen, den Brief des heiligen Paulus an die Römer gelesen, und „ein Licht gleichsam der Gewissheit drang in sein Herz ein und alle Finsternis des Zweifels zerstreute sich“. Mit dem Erlöschen des Zweifels sei jedoch nicht das Verlangen erloschen. Im Gegenteil: Es sei stärker geworden und habe Augustinus dazu gedrängt, die ganze Weite und Tiefe der Heiligen Schrift zu durchschreiten. Leo XIV. erinnerte daran, dass Augustinus selbst mehrfach von seinem Studium der biblischen Handschriften berichtet habe. Er habe verschiedene Handschriften der biblischen Bücher aufmerksam untersucht, „gebeugt wie ein Fragezeichen“, um den bestmöglichen Text zu gewinnen. Damit verband der Papst die geistige Geschichte des Augustinus unmittelbar mit der Aufgabe der Bibliothek. Das Buch der Heiligen Schrift, das Augustinus erreicht habe, sei dasselbe Buch gewesen, das ihm den Geist geöffnet habe. An die Mitarbeiter der Bibliothek und des Archivs gewandt, erklärte Leo XIV.: „Liebe Brüder und Schwestern, indem Sie die Bücher des Nachfolgers Petri bewahren, studieren und den Gelehrten zur Verfügung stellen, helfen Sie der Kirche und der Menschheit, der Tiefe des Verlangens gerecht zu werden“. Ohne dieses Verlangen entferne sich alles von dem lebendigen Gott, der Quelle der Wahrheit und der Liebe. So stellte der Papst die wissenschaftliche Arbeit an den Büchern in einen Zusammenhang mit der Suche des Menschen nach Wahrheit. Anschließend beschrieb Leo XIV. die Apostolische Bibliothek mit de Bild des Herzens. Der Herzschlag sei ein Symbol des Lebens und entstehe aus zwei entgegengesetzten Bewegungen, der Systole und der Diastole, aus Konzentration und Ausdehnung, einer Bewegung zur Mitte und einer Bewegung zur Peripherie. Auch die Apostolische Bibliothek bleibe lebendig, „in dem Maß, in dem sie ihre Systole und ihre Diastole gewährleistet“. Die Systole (das Zusammenziehen oder die Kürzung) beschrieb der Papst als die Sammlung und Bewahrung. Die Apostolische Bibliothek solle ein Ort der Zurückgezogenheit, der Ruhe, des Respekts und der Sorge bleiben. In der fast monastischen Atmosphäre innerhalb der vatikanischen Mauern solle täglich an das Wort des Erlösers erinnert werden: „Wenn du bauen musst, wenn du kämpfen musst, setz dich zuerst hin und studiere“ (vgl. Lk 14,28-32). Dabei ging Leo XIV. auch auf das Verhältnis von physischer Bibliothek und Digitalisierung ein. Es sei geboten, den Zugang zu den Beständen für die Forschung zu erleichtern, auch durch Digitalisierung und die Möglichkeiten der digitalen Welt. Zugleich müsse aber „die alte Geste, sich physisch zur Bibliothek zu bewegen“, bewahrt und gefördert werden. Die Apostolische Bibliothek sei nämlich „nicht nur ein Reservoir von Büchern, aus dem man bequem vom heimischen Computer schöpfen kann, sondern eine Atmosphäre, die aus Beziehungen, Auseinandersetzung und Austausch von Ideen besteht“. Der zweite Herzschlag, die Diastole (die Ausdehnung), stand für die Öffnung. Leo XIV. verwies darauf, dass er sich in der Sala Leonina befand, die Leo XIII. gewidmet ist. Dieser Papst habe die dramatischen Fragen seiner Zeit wahrgenommen, darunter die Veränderungen infolge der industriellen Revolution. Zugleich sei Leo XIII. ein Papst großer kultureller Übergänge gewesen. Dazu gehörten für Leo XIV. die Öffnung des Vatikanischen Archivs für Gelehrte aus aller Welt und die Erweiterung des Zugangs zur Bibliothek. Leo XIII. habe dafür sogar ein ehemaliges Waffenlager in den heutigen Lesesaal umwandeln lassen. Die kulturelle Öffnung der Bibliothek zeigte sich nach Darstellung Leos XIV. bereits in ihrem humanistischen Ursprung. Ihr Bestand beschränke sich nicht auf Theologie, sondern umfasse auch Literatur, Philosophie, Astronomie, Physik, Mathematik, Geographie, Botanik, Zoologie, Medizin, Geschichte, Recht, Kunst und Wirtschaft. Ebenso seien dort nicht nur europäische und christliche Bücher zu finden, sondern auch Werke aus anderen religiösen Zusammenhängen und aus allen Teilen der Welt. Dies sei Jahrhunderte geschehen, bevor eine solche Haltung zu einem allgemein geteilten Bewusstsein geworden sei. Darin sah Leo XIV. ein Zeugnis für die „alte und neue kulturelle Offenheit der Kirche“. Auch der mit der Ausstellung „Aqva“ begonnene Ausstellungszyklus bestätige diese Ausrichtung. Zur kulturellen Offenheit gehöre nach seinen Worten zudem eine „freundliche Diplomatie“, die zwischen den Dokumenten und Büchern des Vatikanischen Archivs und der Bibliothek einen offenen Weg finde. Leo XIV. verband dies mit einem Gedanken aus seiner Enzyklika Magnifica humanitas, in der von „Eröfffnung von Wegen der Versöhnung“ die Rede sei (vgl. MH 211). Daraus leitete der Papst einen Auftrag für die Zukunft ab: „Und nun: Vorwärts! Seid der Vergangenheit und der Zukunft treu und findet mit den Sprachen und Mitteln, die euch eigen sind, neue Öffnungen zur Versöhnung“. Die Treue zur Vergangenheit erschien dabei nicht als Gegensatz zur Zukunft. Vielmehr verband Leo XIV. beide Dimensionen in der Aufgabe der Bibliothek: Bewahrung des Überlieferten und Erschließung neuer Wege. Zum Abschluss seiner Ansprache lenkte Leo XIV. den Blick auf eine konkrete Voraussetzung für die weitere Arbeit des Apostolischen Archivs und der Apostolischen Bibliothek: den Bedarf an neuen Räumen. „Gerade heute habe ich diesbezüglich Anweisungen gegeben“, erklärte der Papst und äußerte die Hoffnung, dass diese dazu beitragen würden, dem bestehenden Bedarf zu entsprechen. Zugleich kündigte er an, den von seinen Vorgängern vorgezeichneten Weg fortzusetzen. Diese hätten im Lauf der Jahrhunderte die Sorge des Apostolischen Stuhls um jene Einrichtungen gezeigt, „die das kulturelle und administrative Gedächtnis“ der Kirche bewahrten und förderten. Foto (c) Vatican Media
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