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Studium zwischen Verstand, Erinnerung und Glauben. Das Herz der Wahrheit

vor 6 Stunden in Aktuelles, keine Lesermeinung
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Leo XIV: Die akademische Arbeit im Dienst der Wahrheit. Wahrheit, Tradition und die Aufgabe des Denkens in der Kirche. Kritisches Denken und Treue zur Offenbarung. Die ‚Hygiene der Aufmerksamkeit‘. Von Armin Schwibach


Rom (kath.net/as) „Seid ihr so unvernünftig? Im Geist habt ihr angefangen und jetzt wollt ihr im Fleisch enden? Habt ihr denn so Großes vergeblich erfahren?“ (Gal 3,3-4). Mit dieser Frage des Apostels Paulus aus dem Galaterbrief stellte Papst Leo XIV. die Eröffnung des akademischen Jahres der Päpstlichen Universitäten Roms unter die Frage nach dem Verhältnis von Glauben und Verstand. Bei der heiligen Messe in der Petersbasilika erinnerte er daran, dass der Glaube den Menschen zum Denken, Fragen und Prüfen führe. Das Studium sollte deshalb nicht von der Suche nach der Wahrheit getrennt werden, sondern selbst zu einem Dienst am Glauben und an der Wahrheit werden.

Paulus habe sich wegen der Nachrichten aus den Gemeinden in Galatien Sorgen gemacht und Worte geschrieben, die seine Adressaten zum Nachdenken hätten bringen sollen. Der Ton des Apostels sei eindringlich und leidenschaftlich gewesen. Was wie ein Vorwurf wirken könne, sei in Wirklichkeit ein Appell „an den Verstand, an das Gedächtnis und an das kritische Denken“. Seit jeher habe es falsche Lehrer gegeben, die die religiösen Gefühle vieler Gläubiger für eigene Interessen genutzt und sie dazu verleitet hätten, einzelne Aspekte der überlieferten Lehre auf Kosten des Ganzen – Christi und seines Evangeliums – radikal zu interpretieren.

Von diesem paulinischen Wort ausgehend richtete Leo XIV. den Blick auf die Aufgabe der Päpstlichen Universitäten. Der Beginn des neuen akademischen Jahres sollte mehr sein als die bloße Wiederaufnahme von Studien- und Forschungstätigkeiten. Die Eucharistie sollte den Beginn einer Arbeit markieren, die sich dem Wirken des Heiligen Geistes öffne. Die Universitätsgemeinschaft solle ihren Verstand und ihre Beziehungen „für den schöpferischen Geist des Auferstandenen“ öffnen, der Frieden und Einheit schenke, damit jeder seine Aufgabe wahrnehmen und auf Gott, der rufe, und auf eine wartende Menschheit antworten könne. Der Beginn des akademischen Jahres solle deshalb „ein wahrhaft kirchlicher Moment“ sein, in dem die Versammlung am Tisch des Herrn die gemeinsame Sendung nähre. Niemand solle nur für sich selbst lehren, studieren oder forschen, sondern „mit den anderen, für die anderen und vor allem mit dem Herrn und für den Herrn“. Wie aus dem Galaterbrief hervorgehe, sei der Verstand für den Glauben und die Mission entscheidend.

Leo XIV. forderte die Studenten, Forscher und Dozenten auf, das Studium als Dienst zu verstehen: „Betrachtet das Studium als einen Dienst am Glauben und an der Wahrheit: zu eurem eigenen Wohl und zu dem vieler Brüder und Schwestern, für die der Herr sein Leben hingegeben hat“. Die Begegnung mit Christus wecke Freude und Begeisterung, dürfe jedoch niemals darin bestehen, „bezirzt“ oder „verblendet“ zu werden. Der Verstand, das Sich-Fragen und das Fragenstellen im Licht des Wortes Gottes und der Tradition der Kirche seien „ein wesentlicher Bestandteil des Glaubensweges in der Nachfolge Jesu Christi“.


Damit verband Leo XIV. das akademische Arbeiten mit der Verantwortung der Kirche gegenüber der Offenbarung. Die Kirche habe den Wunsch und die Verantwortung, „den Schatz der Offenbarung unversehrt zu bewahren“ und zugleich in den verschiedenen Kontexten das betende Verständnis, das wissenschaftliche Denken, die kulturelle Vermittlung und die praktische Umsetzung weiterzuentwickeln. All dies seien Ausdrucksformen einer einzigen Liebe, die die Mitglieder der Universitätsgemeinschaft rufe, trage und zur gemeinsamen Suche verpflichte: „Das ist eine Sendung! Verschieden sind unsere Berufungen, doch die Sendung ist nur eine“.

Aus den Worten des Apostels Paulus leitete der Papst einen weiteren Gesichtspunkt ab: die Erinnerung an den Anfang. Paulus habe die Galater daran erinnert, wo sie begonnen hätten, und gefragt: „Seid ihr so unvernünftig? Im Geist habt ihr angefangen und jetzt wollt ihr im Fleisch enden? Habt ihr denn so Großes vergeblich erfahren?“. Der Verstand müsse sich erinnern. Dies bedeute nicht einfach, Daten aneinanderzureihen, wie es ein Algorithmus inzwischen schneller tun könne als der Mensch. Gemeint sei vielmehr die Erinnerung an die gemachten Erfahrungen, verbunden mit jenem Nachhall, „den nur die menschliche Seele empfinden kann“. Der Mensch müsse das Gute, das er erfahren habe, verinnerlichen. Alles, was gut sei, beginne „im Zeichen des Heiligen Geistes“ und verfüge deshalb über eine Weite, eine Dynamik und ein Gefühl der Gemeinschaft, die sich, einmal erfahren, tief ins Herz einprägten. Mit der Zeit könnten Routine, Ehrsucht, Rivalitäten und andere Faktoren die Aufmerksamkeit und Energie ablenken. Sie könnten dazu führen, dass Menschen erschöpft und kraftlos, streitsüchtig und traurig würden.

Daraus folgte für Leo XIV. die Notwendigkeit, zum Herzen zurückzukehren: „Dort hat alles begonnen, dort befindet sich der Anfang, der uns begleitet“. Deshalb richtete er an Studenten, Forscher und Dozenten die Aufforderung: „Meine Lieben, hütet euer Herz!“. Jede Lebensphase und jede Aufgabe solle „im Zeichen des Heiligen Geistes“ gelebt werden.

Von der inneren Verfassung des Menschen führte Leo XIV. zur Gemeinschaft an der Universität. Dort müsse die Freundschaft gepflegt werden, „dieses kostbare Geschenk, das umso wertvoller ist, wenn es im gemeinsamen Streben nach der Wahrheit in Christus erlebt wird“. Die Studenten sollten fest im Volk Gottes verwurzelt bleiben, dessen sensus fidei schätzen und sich auf seine Fragen einlassen. Dabei dürften die Armen nicht vergessen werden. Sie seien manchmal jener „aufdringliche Freund“, der nachts an die Tür klopfe, wie das Evangelium vom bittenden Freund veranschauliche. Das Studium müsse deshalb mit dem Leben verbunden werden: „Bringt das Leben ins Studium ein und das Studium ins Leben, ganz im Sinne der Menschwerdung, außerhalb derer die Offenbarung schweigt“.

Leo XIV. verband diese Aussage unmittelbar mit der Erkenntnisfähigkeit der Theologie und der Wissenschaft. Je weiter sich der Mensch von der gesamten Wirklichkeit entferne, die der Sohn Gottes mit unendlicher Liebe angenommen habe und in die er sich hineinbegeben habe, desto weniger habe er zu sagen und desto geringer werde seine Fähigkeit zu verstehen. Deshalb müsse die Kirche auf die Sehnsucht nach Gott hören, die auch in der Gegenwart an die Tür klopfe, und diese Sehnsucht in die wissenschaftliche Forschung einfließen lassen. Leo XIV. forderte: „Teilen wir das, was uns nährt“. Es gebe viele Menschen, die nicht über dieselben Bildungsmöglichkeiten verfügten wie die Mitglieder der Universitätsgemeinschaft. Deshalb müsse die Tür geöffnet werden: „Öffnen wir die Tür, verschließen wir uns nicht“. Anschließend stellte Leo XIV. diese Aufgabe in den Zusammenhang seiner ersten Enzyklika Magnifica humanitas. Er habe dort angeregt, die Haltung des Volkes zur Zeit Nehemias einzunehmen, um jene Stadt zu errichten, „in der Gott mit der gesamten Menschheit in Frieden wohnen möchte“. Jeder habe auf dieser Baustelle seine Aufgabe. Entscheidend sei die Zusammenarbeit. Als ein Beispiel für eine solche Aufgabe nannte Leo XIV. die Zersplitterung des Wissens und die Auswirkungen neuer Technologien auf den menschlichen Geist. Wer sich damit beschäftige, erkenne, dass „es […] der Förderung einer echten Hygiene der Aufmerksamkeit [bedarf]: mit Rhythmen, die Stille, vertieftes Studium, Lesen und besonnene Kommunikation beinhalten. Ohne diese Elemente kann die innere Freiheit beeinträchtigt werden“.

Damit erhielt auch die akademische Arbeit eine Frage nach der Freiheit des Menschen. Die Fähigkeit zu schweigen, vertieft zu studieren, zu lesen und besonnen zu kommunizieren sei nicht bloß eine Frage der Studienorganisation. Sie betreffe die innere Freiheit und damit die Voraussetzungen menschlicher Erkenntnis. Auch dem Theologiestudium seien diese Herausforderungen nicht fremd. Seine Forschung trage auf der Baustelle der „Stadt Gottes“ dazu bei, die Arbeit der verschiedenen Wissensbereiche zu erhellen. Die Theologie könne dabei als Schnittstelle der verschiedenen Formen des Wissens verstanden werden.

Eine besondere Bedeutung komme in diesem Zusammenhang der kirchlichen Gemeinschaft in Rom zu. Ihre Berufung, der Gesamtkirche zu dienen, mache sie zu einem Ort der Begegnung, des Austauschs und der gegenseitigen Bereicherung zwischen unterschiedlichen Sichtweisen, Kulturen und Traditionen. Durch diese Begegnung offenbare das Evangelium seine unerschöpflichen Schätze. Leo XIV. richtete den Blick anschließend auf die Jahre, die die Studenten in Rom verbringen. Er wünschte ihnen, diese Zeit erfüllt zu leben und sie nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Rom sei der Ort, an dem Petrus seinen Glauben bis zum Martyrium bekannt habe. Hier habe Paulus, der vielen Völkern, Sprachen und Kulturen den christlichen Glauben vermittelt habe, seinen Lauf vollendet und den Glauben bewahrt. Die internationale Zusammensetzung der Päpstlichen Universitäten müsse so zu Begegnung führen. In den Hörsälen sitze „die ganze Welt“. Neben den Studenten aus dem jeweils eigenen kulturellen Umfeld studierten Menschen aus Afrika, Asien, Amerika, Europa und Ozeanien. Leo XIV. forderte deshalb dazu auf, nicht lediglich nebeneinander zu sitzen: „Trefft euch, sprecht miteinander, hört einander zu, tauscht euch gegenseitig über eure Erfahrungen von Kirche aus, betet gemeinsam, verbringt gemeinsam Freizeit, knüpft Freundschaften, die euch ein Leben lang erhalten bleiben“.

Damit verband der Papst das Studium mit einer Form kirchlicher Erfahrung, die nicht auf den Hörsaal begrenzt blieb. Die Begegnung verschiedener Kulturen und Traditionen sollte durch Gespräch, Gebet und gemeinsames Leben zu einer Erfahrung der Kirche werden. Die akademische Ausbildung erhielt damit ihren Ort innerhalb einer Gemeinschaft, in der unterschiedliche Erfahrungen des Glaubens miteinander geteilt werden sollten.

Am Ende der Predigt verwies Leo XIV. auf die Worte Jesu aus dem Lukasevangelium: „Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet“. Im Vertrauen auf diese Verheißung sollten die Mitglieder der Universitätsgemeinschaft im Gebet vereint bleiben. Das neue akademische Jahr solle der mütterlichen Fürsprache der Jungfrau Maria, der „Sitz der Weisheit“, anvertraut werden. Zugleich sollten sich die Studenten, Forscher und Dozenten dem Heiligen Geist öffnen, den der himmlische Vater denen nicht versage, die ihn mit kindlichem Vertrauen darum bäten.

 


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