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Die Wintersonne der Vernunftvor 13 Stunden in Kommentar, keine Lesermeinung Druckansicht | Artikel versenden | Tippfehler melden
Warum der Mensch nicht von Wissen, Brot und Spiel allein leben kann – Gastkommentar von Michael W. Busch.
Horitschon (kath.net)
„Wes Leben so sich endet,
dass er Gott nicht entwendet
die Seele durch des Leibes Schuld,
und er daneben doch die Huld
der Welt mit Ehren sich erhält,
der hat sein Leben wohlbestellt.“
(Wolfram von Eschenbach, Parzival)
Unsere Zeit verfügt auf Knopfdruck über mehr Wissen als je zuvor, doch die Herzen erkalten zusehends. Eine Theologie, die das Übernatürliche wegerklärt, kann den Verstand erhellen, aber vermag sie noch die Herzen zu erreichen und zu erwärmen? Warum die Kirche aufhören sollte, sich für ihre größte Wahrheit zu entschuldigen und wie die Wintersonne der Vernunft wieder zur Frühlingssonne werden kann.
Vor einigen Jahren habe ich an dieser Stelle unter dem Titel „Um die Seele Stacheldraht“ über die zunehmende empathische Armut unserer Gesellschaft geschrieben, die durch eine berechnende Logik im zwischenmenschlichen Zusammenleben gekennzeichnet ist, bei der es gilt, zunächst auf mehr oder weniger redliche Weise die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen und darauf zu achten, dass niemand anderer einem dabei zuvorkommt und die Ansprüche streitig macht. Diese Haltung kann als Ausdruck einer gesteigerten Ich-Bezogenheit und seelischen Einpuppung gelten. Cocooning nennt die Soziologie diesen Rückzug ins Private und die Beschränkung der Kommunikation auf die eigene Blase (Echokammer).
Doch vielleicht muss man noch eine Ebene tiefer graben. Woher kommt diese soziale Kälte? Warum fällt es uns erkennbar schwerer, vom eigenen Vorteil abzusehen, auf etwas zu verzichten, etwas herzugeben, ohne nach der Gegenleistung zu fragen? Warum reden wir ununterbrochen über Solidarität und leben gleichzeitig in einer Gesellschaft, in der das eigene Ich, die eigene Selbstverwirklichung, das eigene Wohlbefinden, der eigene Körper, die eigene Karriere und das eigene Vermögen zu immer wichtigeren Bezugspunkten geworden sind? Vielleicht ist die Kälte in unseren Herzen nur die Folge einer viel tieferen geistigen Abkühlung, die spätestens seit der Aufklärung und Industrialisierung mit einer wachsenden Mechanisierung und Verdiesseitigung unseres Denkens und Fühlens um sich greift. Der Wissenszuwachs hat den Glauben an den Rand gedrängt. Gleichzeitig hat aber die geistige Reifung des Menschen mit dem technischen Fortschritt nicht Schritt gehalten, ja momentan, im „Zeitalter der Monster“ (Gramsci), in dem die alte Welt im Sterben, die neue aber noch nicht geboren ist, hat man beinahe den Eindruck, als ob eine Regression in das alte Freund-Feind-Schema droht und Konfliktlösungen nicht diplomatisch, sondern militärisch angegangen werden sollen.
Die Eisdecke über der Menschheit
Schon in den Privatoffenbarungen der katholischen Mystikerin Barbara Weigand (1845–1943) wird vor mehr als hundert Jahren ein eindringliches Bild für die geistige Situation ihrer Zeit gebraucht: Über der Menschheit liege eine Eisdecke. Die „Wasser des Unglaubens“ hätten die Welt überflutet; weil zugleich die Sonne der göttlichen Liebe in den Herzen der Menschen erloschen sei, seien diese Wasser gleichsam zusammengefroren. Unter dieser Eisdecke, so heißt es in den Schippacher Schriften, lägen nicht nur die Un- und Irrgläubigen, sondern auch viele Christen, ja selbst Teile der katholischen Kirche. Zahlreiche Seelen seien darunter „erfroren“, geistlich erstarrt und bewegten „weder Hand noch Fuß“, um sich aus der Eisdecke herauszuarbeiten und wieder der wärmenden „Sonne der Gottesliebe“ zuzuwenden.
Die Metapher reicht dabei bemerkenswert weit: Die Eisdecke des Unglaubens halte selbst die „Liebe, die vom Himmel stammt“, davon ab, zu den Menschen durchzudringen. Sie sei noch weiter verdichtet worden, indem man das Übernatürliche zunehmend „für eine Krankheit erklärt“ habe und alles nurmehr auf natürlichem Wege erklären wolle. Selbst innerhalb der Kirche trügen jene zur weiteren Vereisung bei, die sich auf die bloße Ausübung ihrer Funktionen zurückzögen und lebendige Glaubenserfahrungen mit Misstrauen betrachteten. Wie viele Marienerscheinungen wurden etwa im Deutschland des 20. Jahrhunderts ignoriert oder gar unterdrückt? Man denke an Heroldsbach, das zu einem deutschen Lourdes hätte werden können, zu einem Ort lebendiger Marienfrömmigkeit, der unzählige Menschen wieder mit dem Glauben in Berührung bringt. Stattdessen wurde dort mit großer Härte gegen die behaupteten Erscheinungen und ihre Anhänger vorgegangen. Dabei seien laut den Schippacher Schriften gerade die frommen, treuen Seelen, die ihr Leben nach dem verkündeten Glauben ausrichteten, gleichsam die „Blumen und Ziergewächse“ um das Haus der priesterlichen Gewalt, weil sie durch ihr Beispiel sichtbar machten, was die Priester durch ihr Wort lehrten.
Durch das „Zeitungsgeschrei“, heißt es an anderer Stelle (heute würde man von „Shitstorms“ auf den sozialen Medien sprechen), würden die „Geheimnisse einer frommen Seele“ als „Fanatismus und Hysterie“ dargestellt. Menschen, deren Glaubensleben eigentlich Vorbild sein könnte, würden als „Phantasten“ und „hysterische Personen“ abgetan, so dass sich andere an ihnen nicht mehr erbauen wollten: „Nein, ich will kein Phantast werden“, sage man – und stürze sich wieder in das Treiben der Welt. Gerade dadurch könne das lebendige Beispiel nicht mehr bis ins Herz der Gläubigen „durchdringen“. Die Liebe sei erkaltet, das Glaubensleben gleichgültig geworden, die ganze Menschheit von einer geistigen Frostschicht überzogen.
Und doch bleibt das Bild bei Weigand nicht ohne Hoffnung: Unter dieser „Eisdecke des Unglaubens“ sprossen noch immer „liebliche Blümlein“ hervor – unscheinbare Akte der Tugend und Treue. Das eigentliche Gegenbild zur erkalteten und unter der Eisdecke erstarrten Seele findet sich an anderer Stelle der Schippacher Schriften. Weigand sieht dort eine Seele wie eine „Feuerkugel“, worauf Christus ihr die Bedeutung dieses Bildes erklärt: „Siehe, das ist eine Seele, die keinem Glaubenszweifel und keinen Skrupeln Einlass verschafft, die alles gleich abschneidet mit ihrem tieflebendigen Glauben und ihrer allumfassenden Liebe zu Mir; Satan alle Eckchen abschneidet und abschließt. Ihre Seele ist rund wie eine Feuerkugel und nirgends kann Satan Eingang finden.“ Der Kontrast könnte kaum größer sein: hier die unter der Eisdecke unbeweglich gewordene, erkaltete Seele, dort die durch „tieflebendigen Glauben“ und „allumfassende Liebe“ gleichsam von innen heraus glühende Seele. Die Eisdecke selbst müsse schließlich „wieder durchbrochen“ werden, damit die Kirche aus den „Katakomben des neuen Heidentums“ hervortreten und die erkaltete Welt sich wieder an der Sonne der Gottesliebe erwärmen könne.
Licht ohne Wärme
Der französische Moralist Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues (1715–1747), hat einmal die Ratschläge des Alters mit der Wintersonne verglichen: Sie erhellen, ohne zu erwärmen. Ein interessantes Bild. Die Wintersonne ist keine Finsternis. Sie strahlt. Man sieht unter ihrem Licht besonders scharf. Konturen treten hervor, der Himmel kann von kristallener Klarheit sein – und dennoch liegt das Land gefroren da. Kein Same keimt. Kein Baum schlägt aus. Das Gras auf den Wiesen wächst nicht. Das lebendige Bienengesumme und Vogelgezwitscher fehlen.
Auch der schwedische Naturwissenschaftler und Mystiker Emanuel Swedenborg (1688–1772) verwendete das Bild von Licht und Wärme in seinen theologischen Betrachtungen. Licht steht bei ihm für Weisheit beziehungsweise Wahrheit, Wärme für Liebe. Wo das Licht von der Wärme getrennt wird, kann zwar Erkenntnis vorhanden sein, aber sie bleibt geistig unfruchtbar. Viele moderne Theologen gleichen der Wintersonne. Sie erhellen zwar den Verstand, vermitteln aber keine Herzenswärme und können die Menschen damit auch emotional nicht erreichen.
Zu mir hat einmal ein in Deutschland studierter Theologe gesagt, das Angelus-Gebet und der Rosenkranz seien reine Machtmittel der Kirche (obwohl sie doch Gnadenmittel und unergründliche Quellen des Heils sind!). Maria und die Heiligen, Volksfrömmigkeit, Beichte und Niederknien während der eucharistischen Wandlung seien nicht erforderlich, schließlich habe uns Christus aufgerichtet, nicht niedergebeugt. Da zeigt sie sich: Die kühl-abgehobene, intellektuell verkopfte Sicht ohne die Ergänzung des mütterlichen Herzens. In Anlehnung an Augustinus' Ausspruch „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst“ ließe sich über solche Theologen sagen: In ihnen brennt nicht das Feuer des Glaubens. Entsprechend schwer tun sie sich damit, Funken der Begeisterung zu versprühen und andere durch ihr lebendiges und leuchtendes Vorbild zu entflammen.
Dabei ist der persönliche Glaube doch das Großartigste, was einem Menschen geschenkt werden kann. Er macht uns wahrhaft innerlich frei. Wer glaubt, sieht weiter, sieht tiefer, sieht hinter die Dinge. Er erkennt größere Zusammenhänge und trägt selbst in schlimmster Not und Verzweiflung die unauslöschbare Hoffnung in sich, dass dies nicht alles und vor allem nicht das Ende ist, sondern schließlich in eine glorreiche Auferstehung mündet. Auf ihn wartet etwas jenseits seiner Vernunft, etwas von unbegreifbarer Schönheit, das er mit seiner irdisch begrenzten Vorstellungskraft gar nicht zu fassen und mit seinen raum-zeitlich gebundenen Worten nicht angemessen zu beschreiben vermag. Aus dieser Gewissheit erwächst eine Freiheit, die weit über das hinausreicht, was uns die Welt als Freiheit verkauft. Der Gläubige kann sich leichter von äußeren Zwängen, irdischen Verlockungen und Süchten, von der Gier nach Geld, Macht, Anerkennung und gesellschaftlicher Zustimmung lösen. Er wird auch widerstandsfähiger gegenüber Manipulationsversuchen jedweder Art, weil er weiß, dass keine politische Ideologie, kein gesellschaftliches System und kein noch so charismatischer Mensch ihm das Heil bringen kann. Oder, wie es in einer Botschaft der Erscheinungen von Sievernich vom 25. August 2026 heißt: „Denkt daran, dass es keine menschlichen Heilsbringer gibt.“ 
Es sollte klar sein, dass der genannte Theologe nur als Repräsentant einer „progressiven Zunft“ zu sehen ist, die auch viele übernatürliche, in der Bibel geschilderte Phänomene (Satan, Jungfrauengeburt, Dämonenaustreibungen, Wunder), wenn nicht gänzlich verleugnet, so doch mit äußerster Skepsis beargwöhnt, ja am liebsten unerwähnt und unkommentiert lassen würde. Wenn Theologie nur noch darin besteht, das Übernatürliche wegzuerklären, betreibt sie im Grunde ihre eigene Abschaffung. Sie rühmt sich ihrer Aufgeklärtheit, merkt aber nicht, dass sie dem gläubigen Volk die Nahrung entzieht und stattdessen Steine für Brot gibt. Man wirft der Tradition gerne vor, sie halte die Menschen klein, doch diese vermeintlich emanzipierte Theologie hinterlässt eine existenzielle Wüste. Sie hat für jede Form des Zweifels ein Argument, aber für die Hoffnung kein einziges Lied. Man spürt in ihren Äußerungen eine eigentümliche Tragik. Es ist der Versuch, den Glauben so weit zu reinigen, bis er vor der säkularen Welt bestehen kann und keine Scham mehr auslöst. Allerdings schwindet mit dem Geheimnis auch der Trost. Wenn der Rosenkranz nur noch ein Machtmittel und das Wunder ein historisches Missverständnis ist, dann wird der Himmel zu einem leeren Versprechen. Es bleibt eine wohlmeinende, aber seltsam matte Ethik zurück, die den Verstand beschäftigt, während das Herz friert. Diese Art der Theologie klärt auf, aber sie füllt die Leere nicht, die sie hinterlässt. Sie nimmt dem Menschen das Staunen und lässt ihn einsam zurück in einer entzauberten Welt.
Die vom protestantischen Theologen Rudolf Bultmann heraufbeschworene Entmythologisierung des Glaubens hat auch in weiten Teilen der katholischen Theologie „Fortschritte“ gemacht und Kreise gezogen. Die winterliche Sonne, die zwar strahlt, aber nicht wärmt, kann diese Entwicklung metaphorisch treffend fassen. Das theologische Wissen strahlt zwar mit großem kognitivem Eigendünkel, aber es erleuchtet und wärmt das Herz der Gläubigen nicht mehr, ja es erreicht sie auch gar nicht mehr, denn welcher katholische Laie könnte heute noch einen bedeutenden deutschsprachigen Theologen benennen? Wer liest gar deren theologische Traktate? Da wird doch lieber zu einem Buch aus der reichhaltigen Esoterik-Ecke der nächsten Buchhandlung gegriffen, obwohl auch dessen Inhalte zwielichtig sein können, indem sie schnelles Glück und einfache, praktikable Lösungen verheißen. Theologie ist zu einem weitgehend selbstreferentiellen System geworden, in dem nur noch Theologen Theologen lesen, sich gegenseitig zitieren und in ihren Ansichten bestätigen.
Dennoch bräuchte es weiterhin das theologische Wissen des Unterscheidens, denn inzwischen ist das Hauptproblem in weiten Teilen der Bevölkerung ja nicht, dass sie nicht mehr glauben, sondern dass sie überhaupt nichts mehr wissen von religiösen Zusammenhängen und grundlegenden Fragestellungen. Dabei wäre in unserer Zeit der geistigen Verwirrung und Dauerablenkung ein glasklarer innerer Kompass, der auf Christus und das ewige Leben ausgerichtet ist („Jesus, geh voran auf der Lebensbahn“) notwendiger denn je, um nicht in eine Richtung getrieben zu werden (z.B. radikale Ideen vermeintlicher politischer Heilsbringer, Vergnügungssucht, Materialismus und übertriebenes Karrierestreben), aus der zu befreien uns später schwerfällt, weil jede Entscheidung, die wir treffen, konsequent Folgeschritte nach sich zieht. Je weiter wir uns von Gott entfernen, desto morastiger wird das Gelände, auf dem wir uns bewegen. Wir brauchen keine theologischen Weichspülprogramme, sondern einen Vollwaschgang, keinen faden Einheitsbrei, sondern schmackhafte und feste Kost, die uns innerlich stark und lebenstauglich macht.
Noch nie verfügte die Menschheit auf Knopfdruck über so viel Wissen. Innerhalb weniger Sekunden können wir Informationen abrufen, für deren Beschaffung Gelehrte früher Wochen in Bibliotheken verbringen mussten. Die Künstliche Intelligenz erspart dann im Anschluss mitunter auch noch das Denken und Schreiben, den mühseligen Prozess, eigene Gedanken auf Papier zu bringen. Wir entschlüsseln das menschliche Genom, schicken Sonden an die Grenzen unseres Sonnensystems, entwickeln selbstfahrende Autos und vermessen immer kleinere Bausteine der Materie. Und doch scheint all dieser technische und wissenschaftliche Fortschritt den geistigen Hunger des Menschen nicht stillen zu können. Antoine de Saint-Exupéry hat diese seltsame Verarmung der modernen Zivilisation einmal auf eine wunderbar einfache Formel gebracht: „Wir können nicht mehr leben von Eisschränken, von Politik, von Bilanzen und Kreuzworträtseln.“ Man könnte diese Liste heute mühelos fortsetzen: mit Smartphones, Streamingdiensten, sozialen Medien, Computerspielen und Künstlicher Intelligenz. All das kann unser Leben erleichtern, unterhalten und bereichern. Aber nichts davon beantwortet die Frage, wozu wir eigentlich leben. Gleichzeitig scheint es uns zunehmend schwerzufallen, die einfachsten Fragen unseres Daseins zu beantworten: Wozu bin ich auf der Welt? Was ist gut? Was ist böse? Warum soll ich auf etwas verzichten, wenn mir niemand dabei zusieht? Warum soll ich meinem Feind vergeben? Warum soll ich einem Menschen helfen, der mir niemals etwas zurückgeben kann? Und schließlich: Was erwartet mich, wenn mein Herz eines Tages aufgehört hat zu schlagen? Der Mensch lebt eben nicht von Wissen, Brot und Spiel allein. Wir wissen immer mehr über das Wie, aber immer weniger über das Warum. Erneut: Die Wintersonne der Vernunft scheint hell. Aber wärmt sie noch?
Der verlorene archimedische Punkt
Jede Bewertung benötigt einen Maßstab. Nur wer Werte hat, kann bewerten. Denn wer behauptet, etwas sei gut oder schlecht, gerecht oder ungerecht, menschenwürdig oder menschenunwürdig, benötigt hierzu ein Wertefundament, aufgrund dessen er sein Urteil fällt. Es gibt keine Bewertung aus dem luftleeren Raum. Der moderne Mensch hat allerdings seinen archimedischen Punkt verloren. Für den Christen liegt der letzte Maßstab nicht in ihm selbst. Er liegt in Gott. Die Zehn Gebote sind keine zehn unverbindlichen Empfehlungen zur Verbesserung des gesellschaftlichen Klimas. Christus ist nicht bloß ein interessanter Weisheitslehrer neben Buddha, Konfuzius oder Sokrates. Wenn der christliche Glaube wahr ist, dann existiert eine Wirklichkeit, die unserem individuellen Wünschen vorausliegt. Diese Sichtweise ist für die Mehrzahl der modernen Menschen eine Zumutung. Der moderne Mensch möchte selbst entscheiden, was für ihn wahr und richtig ist. „Das ist deine (beschränkte) Wahrheit, ich habe meine ganz persönliche Wahrheit, die auf meinen Lebenserfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen gründet“, heißt es dann. Aber spätestens, wenn meine Wahrheit mit deiner kollidiert, stellt sich die Frage, nach welchem übergeordneten Maßstab entschieden werden soll.
Eine Gesellschaft kann versuchen, dieses Problem durch Gesetze, Verfassungen und gemeinsam vereinbarte Spielregeln zu lösen. Das ist notwendig und eine große zivilisatorische Errungenschaft. Aber reicht es aus? Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt, wie Ernst-Wolfgang Böckenförde in seinem berühmten Diktum feststellte, von Voraussetzungen, die er selbst nicht hervorzubringen vermag. Man kann Solidarität gesetzlich organisieren, aber nicht erzwingen, dass Menschen einander lieben. Man kann Eigentumsdelikte bestrafen, aber keine Großzügigkeit verordnen. Man kann Diskriminierung verbieten, aber niemanden durch Paragrafen dazu bringen, seinen Nächsten wirklich als Bruder oder Schwester wahrzunehmen. Eine Verfassung kann das Zusammenleben ordnen. Aber kann man eine Verfassung lieben? Kann sie Menschen dazu bewegen, ihr Leben für einen anderen hinzugeben? Kann ein Paragraf einen Sterbenden trösten? Kann Verfassungspatriotismus, wie ihn der intellektualistische und sich selbst als „religiös unmusikalisch“ bezeichnende Jürgen Habermas als rationales Bindeglied einer pluralistischen Gesellschaft heraufbeschwor, jenes innere Feuer entzünden, aus dem Heilige, Märtyrer und vollkommen unbekannte Menschen ihre Kraft bezogen haben, sich für andere aufzuopfern?
Erstaunlich ist, dass sich Habermas intensiv mit der gesellschaftlichen Bedeutung der Religion und ihren Sinnressourcen auseinandersetzte und mit dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger über die vorpolitischen Grundlagen des freiheitlichen Staates diskutierte, persönlich aber an seiner Distanz zum Glauben festhielt. Noch im hohen Alter bekannte er: „Ich bin alt, aber nicht fromm geworden.“ Der Übergang vom Wissen über Religion zum anbetenden Glauben, vom vernünftigen Nachdenken über Gott zum Beugen des Knies vor Gott, von der inneren Anziehung zur persönlichen Hingabe, gelang ihm offenbar nicht, zumindest tat er sich äußerst schwer damit. Vielleicht zeigt sich darin die prinzipielle Grenze einer Vernunft, die das Religiöse theoretisch zu erfassen vermag, ohne selbst den existenziellen Schritt in den Glauben zu vollziehen – fast wie in Wolfgang Borcherts Drama „Draußen vor der Tür“: Das Vaterhaus ist noch da, die Sehnsucht nach Heimkehr ebenso, doch der Mensch steht zögernd und zweifelnd an der Schwelle und findet nicht hinein. So wie im Drama der Protagonist das Elternhaus zwar fand, die Eltern aber tot waren und nicht mehr dort wohnten, gehen auch viele Intellektuelle von Gottes Tod aus und sehen den Himmel leer.
Ebenso exemplarisch zeigt sich dies bei Peter Sloterdijk, der aus dem reichen Bilder-, Ideen- und Begriffsschatz der Religion immer wieder für sein mäandrisches Denken schöpft, sie als Basis für seine elaborierten Sprach- und Gedankenspiele nutzt, ohne dabei den Schritt zur persönlichen Glaubenshingabe, den „Sprung ins Ungewisse“ (Kierkegaard) zu vollziehen. Gerade darin offenbart sich eine eigentümliche Großwetterlage der gegenwärtigen Intelligenzia und zugleich deren innere Zerrissenheit: Denker, die selbst religiös unmusikalisch bleiben, erkennen dennoch an, dass eine säkulare Gesellschaft von religiösen Voraussetzungen, Bildern und Sinngehalten zehrt, die die Vernunft aus sich heraus nicht vollständig hervorbringen kann. Die Vernunft mag das Haus bauen. Aber wer entzündet das Feuer, damit es sich dort leben lässt, damit man sich dort geborgen fühlt?
Wenn dieses Leben alles ist
Hier beginnt die unangenehme Frage. Wenn dieses Leben tatsächlich alles ist, warum sollte ich mir dann freiwillig die Butter vom Brot nehmen lassen? Natürlich können auch Menschen ohne religiösen Glauben moralisch, großzügig und aufopferungsvoll leben, genauso wie sich Christen bisweilen egoistisch, habgierig und niederträchtig verhalten. Die Frage liegt tiefer: Woher kommt die letzte Verbindlichkeit des Guten, wenn über dem Menschen nichts mehr steht? Wenn mit meinem Tod tatsächlich alles vorbei ist, dann stehen mir, wenn es gut kommt, achtzig, mit sehr viel Glück neunzig Jahre zur Verfügung. Danach nichts. Kein Gericht. Keine Rechenschaft. Keine Wiederbegegnung. Keine ausgleichende Gerechtigkeit. Keine letzte Versöhnung. Warum sollte ich unter dieser Voraussetzung auf einen Vorteil verzichten, wenn ich ihn mir verschaffen kann, ohne erwischt zu werden? Warum sollte ein Mächtiger seine Macht nicht missbrauchen, wenn kein irdisches Gericht ihn je zur Verantwortung ziehen wird? Warum soll der Milliardär teilen, wenn sein Geld ihm Ansehen, Einfluss und angenehme Lebensjahre verschafft? Warum soll ich vergeben, wenn Rache mir größere Befriedigung verspricht? Warum soll ich die Wahrheit sagen, wenn mich eine Lüge schneller ans Ziel bringt?
Man kann darauf mit Evolution, Kooperation, gesellschaftlicher Nützlichkeit und wechselseitigem Altruismus antworten. Das alles erklärt einiges. Aber es gibt keine Auskunft über die letzte Frage: Warum soll ich das Gute auch dann tun, wenn es mir nachweislich schadet, niemand davon erfährt und ich keinerlei diesseitige Gegenleistung erwarten kann? Genau hier erhält der Jenseitsglaube seine ungeheure Bedeutung. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt. 25, 40). Plötzlich besitzt die unscheinbarste Handlung Ewigkeitswert. Der Becher Wasser, den niemand bemerkt. Das Geld, das gegeben wird, ohne dass der Name des Spenders auf einer Tafel erscheint. Das geduldig ertragene Leid. Das unterlassene böse Wort. Die Vergebung, die niemand für möglich hielt. Und umgekehrt gilt: Auch das Verborgene bleibt nicht verborgen. Verantwortung bedeutet dann tatsächlich: Du wirst Antwort geben müssen. Doch der christliche Glaube verheißt nicht nur ausgleichende Gerechtigkeit, sondern auch die Verwandlung irdischen Leides in himmlisches Glück. Die Letzten werden die Ersten sein. Das bedeutet auch: Wer den himmlischen Aufstieg sucht, muss zunächst tief in sich selbst hinabsteigen, sich mit seiner eigenen Unvollkommenheit auseinandersetzen, sich seiner Sündhaftigkeit und Bedürftigkeit vor Gott bewusst werden und sich schließlich Gottes weiser Führung in kindlicher Offenheit und Dankbarkeit überantworten. Der Glaube verlangt ab einem bestimmten Punkt nicht noch mehr intellektuelle Raffinesse, sondern Demut. Der Mensch kann Gott nicht allein zum Gegenstand seines Denkens machen; irgendwann müssen sich auch seine innere Haltung und seine äußere Lebensführung verändern.
Moralische Zinsen eines verlorenen Glaubens
Unsere westlichen Gesellschaften leben möglicherweise noch immer von moralischen Voraussetzungen, deren religiöse Herkunft sie längst vergessen haben. Menschenwürde, Barmherzigkeit, Nächstenliebe, die besondere Sorge um Schwache, Kranke und Ausgestoßene erscheinen uns selbstverständlich. Aber sind sie es? Der antike Mensch wäre kaum auf den Gedanken gekommen, dass jeder Mensch allein aufgrund seines Menschseins dieselbe unveräußerliche Würde besitzt. Das Christentum stellte Sklaven und Herren, Männer und Frauen, Arme und Reiche, Gebildete und Ungebildete vor denselben Gott. Jeder Mensch war Geschöpf Gottes, jeder erlösungsbedürftig, jeder zur Ewigkeit berufen. Wir haben vieles von diesem moralischen Kapital geerbt, aber den Glauben, aus dem es erwuchs, zunehmend abgestreift. Wie lange kann man von den Zinsen leben, wenn das Kapital nicht mehr vorhanden ist? Vielleicht beobachten wir die Folgen bereits. Wo die Ewigkeit aus dem Blick gerät, wächst zwangsläufig die Bedeutung des Diesseits. Dann muss dieses eine Leben alles liefern: Glück, Liebe, Anerkennung, Selbstverwirklichung, Wohlstand, Sexualität, Reisen, Genuss, Gesundheit und möglichst permanente emotionale Hochstimmung. Der Himmel muss auf Erden stattfinden, weil kein anderer mehr erwartet wird. Und wehe, jemand greift nach meinem Stück davon.
Der Hunger nach dem Himmel bleibt
Nur scheint der Mensch für ein ausschließlich diesseitiges Leben merkwürdig ungeeignet zu sein. Er kann seine metaphysische Sehnsucht, sein Streben nach Vollkommenheit und Unendlichkeit eine Zeit lang betäuben: mit Arbeit und Karriere, mit Konsum und Reisen, mit Sex, Alkohol und Unterhaltung, mit sozialen Medien, Selbstoptimierung, Politik oder Geld. Der Wohlstand kann dabei wie ein Narkotikum wirken: Solange das Vergängliche glänzt und fast jedes Bedürfnis erfüllbar erscheint, lässt sich die Sehnsucht nach dem Ewigen leichter überhören. Aber irgendwann steht er doch am Grab eines geliebten Menschen. Und dann wird aus der philosophischen Frage eine persönliche. War das wirklich alles? Ist dieser Mensch, den ich geliebt habe, tatsächlich ins Nichts gefallen? Werde ich ihn niemals wiedersehen? Wie schwer ist es erst, einem Kind den Tod eines geliebten Menschen zu erklären, wenn man ihm nicht von der Hoffnung auf einen Himmel erzählen kann? Und ungesühntes Unrecht schließlich bleibt ohne Jenseitsvorstellung verstörend: Werden die Opfer der Geschichte und ihre Peiniger am Ende tatsächlich vom selben Nichts verschluckt? Bleiben ihre Taten ohne Folgen?
Gerade dieser Hunger nach Antworten auf ungeklärte Fragen erklärt die ungeheure Faszination, die Nahtoderfahrungen heutzutage auf viele Menschen ausüben. Ihre wissenschaftliche Interpretation ist umstritten und sie liefern keinen mathematischen Beweis des Jenseits. Interessant ist an dieser Stelle aber etwas anderes: Warum wollen Millionen Menschen solche Berichte überhaupt hören? Vielleicht sucht der moderne Mensch, der dem überlieferten Glauben nicht mehr traut, auf eigene Faust nach Beweisen für das Jenseits – nach Erfahrungsberichten, die ihm wenigstens einen Spaltbreit die Tür zu jener Wirklichkeit öffnen, an die zu glauben ihm über die Kirche so schwer geworden ist. Warum berühren Erzählungen von einem überwältigenden Licht, von Liebe, Lebensrückblick, Wiederbegegnung und einer Wirklichkeit jenseits des sichtbaren Körpers etwas so Tiefes im Menschen? Weil im tiefsten Inneren des Menschen, in jener Seele, deren eigenständige und unsterbliche Existenz der materialistische Atheismus leugnet, ein metaphysischer Hunger geblieben ist. Man hat ihr erklärt, dass es keinen Himmel brauche. Aber sie schaut noch immer instinktiv nach oben, wenn ein drohendes Unheil von ihr abgewendet oder wenn sie ein großes Glück erfahren hat.
Eine Kirche, die aufrichtet statt debattiert
Karl Rahner hat in einem berühmt gewordenen Satz vorausgesehen, der Fromme der Zukunft werde ein „Mystiker“ sein, einer, der etwas erfahren habe, oder er werde nicht mehr sein. Das scheint mir von großer Aktualität zu sein. Ein Christentum, das nur noch aus kirchlichen Strukturdebatten, Sitzungen, Papieren, Kommissionen und soziologischen Analysen besteht, wird den spirituell hungernden Menschen kaum erreichen. Wenn die Predigt am Sonntag klingt wie ein Kommentar, den man am Montag ähnlich in einer Tageszeitung lesen könnte, stellt sich irgendwann die Frage, warum man dafür überhaupt noch in die Kirche gehen soll.
Die Kirche besitzt etwas, das keine Partei, keine Unternehmensberatung, keine Universität und kein Wellness-Retreat anbieten kann: die Botschaft von der Überwindung des Todes. Christus ist auferstanden. Wenn dieser Satz wahr ist, verändert er alles. Dann ist der Tod nicht das letzte Wort. Dann ist der Mensch nicht bloß eine vorübergehende Ansammlung von Atomen. Dann besitzt jede Seele einen unendlichen Wert. Dann gibt es Vergebung auch für das, was wir selbst nicht mehr wiedergutmachen können. Dann gibt es Gerechtigkeit auch für jene, denen auf Erden keine Gerechtigkeit widerfahren ist. Dann werden wir die Menschen wiedersehen, die uns vorausgegangen sind.
Warum sprechen wir so zaghaft davon? Weil auf große Teile der modernen Theologie genau das Bild der Wintersonne zutrifft? Viel blendendes Licht, aber wenig Wärme. Man erklärt, historisiert, kontextualisiert, relativiert und entmythologisiert so lange, bis am Ende eine Religion übrigbleibt, die intellektuell niemandem mehr wehtut, aber auch niemanden mehr aufrichtet. Eine solche Religion braucht eigentlich niemand. Sie vermittelt keine Hoffnung.
Die Wahrheit wie eine Lüge erzählen
Dem Film gelingt häufig das merkwürdige Kunststück, erfundene Geschichten so zu erzählen, dass Menschen lachen, weinen und tief erschüttert den Kinosaal verlassen. Es ist, wie Jean Cocteau einmal bemerkte, die Kunst, Lügen so zu erzählen, dass sie zur Wahrheit werden. Die Kirche hingegen steht vor der tragischen Gefahr, die nach ihrem eigenen Verständnis größte und weltverändernde Wahrheit der Menschheitsgeschichte so vorzutragen, als entschuldige sie sich insgeheim dafür, dass sie überhaupt noch an sie glaubt. Wir besitzen Kathedralen und veranstalten darin Podiumsdiskussionen. Wir besitzen den gregorianischen Choral und behandeln ihn wie ein museales Kulturgut (von den singenden Mönchen des Stiftes Heiligenkreuz einmal abgesehen). Wir besitzen die Eucharistie und sprechen von ihr bisweilen, als handle es sich primär um eine gemeinschaftsstiftende Symbolhandlung. Wir besitzen die Beichte und wundern uns, dass Menschen für Psychotherapie, Coaching und Selbstfindungsseminare große Summen ausgeben, während der Beichtstuhl leer bleibt. Wir besitzen Heilige und Märtyrer und suchen unsere Vorbilder bei Influencern. Wir besitzen die Hoffnung auf das ewige Leben und reden fast ausschließlich über das Diesseits. Vielleicht liegt hier tatsächlich ein wesentlicher Teil der gegenwärtigen Glaubenskrise. Nicht weil die christliche Botschaft den Menschen nichts mehr zu sagen hätte, sondern weil wir selbst kaum noch den Eindruck vermitteln, dass wir sie für wahr halten. Die Wahrheit ist zum Märchen geworden. Märchen aber gibt es in unserer filmisch-medial geprägten Welt schon genug. Der Glaube darf nicht zu einer schönen Erzählung unter vielen werden.
Glaube braucht Erfahrung und Erfahrung braucht Kirche
Allerdings wäre es ebenso verfehlt, aus dem Versagen eines rationalistisch ausgedünnten Katholizismus in eine beliebige Erlebnisreligion zu fliehen. Der Hunger nach Spiritualität erzeugt heute einen riesigen religiösen Supermarkt. Ein wenig Christentum, etwas Buddhismus, Meditation, Astrologie, Reinkarnation, Engel, Energiearbeit und eine Prise Quantenphysik werden zu einer persönlichen Privatreligion zusammengerührt, bei der am Ende erstaunlicherweise immer genau jener Gott herauskommt, der mit den eigenen Vorstellungen übereinstimmt.
Ein Gott, der weder stört noch widerspricht, der darauf verzichtet, dem Menschen seine Sündhaftigkeit vorzuhalten, der Umkehr verlangt oder gar mit der ewigen Höllenstrafe droht. Weil beim persönlichen Religionsbasteln (bricolage) zumeist synkretistische Wohlfühlprogramme herauskommen, sollte der katholische Glaube nicht allein aus subjektiver Mystik bestehen, die sich der Prüfung der kirchlichen Lehre und Tradition entzieht. Der einzelne Mensch braucht die Kirche nicht deshalb, weil Kirchenfunktionäre bessere Menschen wären. Die Kirchengeschichte bietet genügend Gegenbeispiele. Er braucht sie als Gemeinschaft und als Korrektiv der eigenen religiösen Projektionen, als Hüterin eines Glaubens, den wir nicht in Eigenregie erfunden haben und auch nicht nach Belieben neu erfinden sollten. Dieser Glaube ist über zwei Jahrtausende gewachsen, hat sich stabilisiert und verfestigt, hat geprüft und verworfen, hat bestimmte Glaubensinhalte für richtig, andere für schädlich befunden. Die Weisheit der Ahnen sollte nicht mit einem Federstrich beseitigt werden, weil wir ja inzwischen alles besser wissen als die umnächtigten Geister der damaligen finsteren Zeiten mit ihrem begrenzten Horizont.
Paulus spricht von der Kirche als vom Leib Christi. Ein Leib besteht nicht aus unabhängig voneinander agierenden Organen. Die Glieder gehören zusammen, haben als eine Einheit zu wirken. Ein verwandtes Bild findet sich im ersten Petrusbrief. Dort werden die Gläubigen aufgefordert, sich als „lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen“ zu lassen (1 Petr 2,5). Christlicher Glaube ist damit schon im Neuen Testament nicht als spirituelles Einzelgängertum gedacht: Der einzelne Stein braucht die anderen, damit aus ihnen gemeinsam ein Haus werden kann. Die persönliche Gotteserfahrung und die institutionelle Kirche dürfen deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden. Mystik ohne Kirche droht zur subjektiven Selbstbespiegelung zu werden. Kirche ohne Mystik hingegen erstarrt zur Verwaltung der Asche, nicht zur Erhaltung der heiligen Glut. Erneut begegnen wir Licht und Wärme, Kopf und Herz. Beides gehört zusammen.
Höher als das Leben der Vernunft
Antoine de Saint-Exupéry schrieb während des Zweiten Weltkriegs in seinem Brief an den General: „Es gibt nur ein Problem, ein einziges in der Welt. Wie kann man den Menschen eine geistige Bedeutung, eine geistige Unruhe wiedergeben, etwas auf sie herniedertauen lassen, was einem gregorianischen Choral gleicht. Man kann nicht mehr leben ohne Poesie, ohne Farbe, ohne Liebe. Es gibt nur ein Problem, ein einziges. Es gilt wiederzuentdecken, dass es ein Leben des Geistes gibt, das noch höher steht als das Leben der Vernunft und das allein den Menschen zu befriedigen vermag.“ Auf diese Zeilen stieß ich vor Jahren in Hermann Lanskes großer Bruckner-Dokumentation (Anton Bruckner 1824-1896, ORF 1974). Saint-Exupérys Gedanke hätte kaum einen passenderen musikalischen Resonanzraum finden können. Bruckners monumentale Sinfonien und seine geistliche Musik scheinen nämlich selbst etwas von jenem „Herniedertauen“ des Geistes hörbar zu machen, von dem Saint-Exupéry spricht: Musik, die den Menschen für Augenblicke aus dem horizontalen Getriebe des Alltags heraushebt und den Blick gleichsam in die Vertikale richtet. Genau das ist unsere Aufgabe. Nicht weniger Vernunft, sondern eine ganzheitlicher angelegte Vernunft, die sich dem Geist, dem „Feuer der Liebe“, öffnet. Denn der Mensch ist mehr als sein Verstand. Er ist Leib und Seele, Kopf und Herz, Vernunft und Gefühl, Erkenntnis und Sehnsucht. Und wo die Vernunft an die Grenze dessen gelangt, was sie aus eigener Kraft erkennen kann, beginnt nicht notwendig das Irrationale. Dort kann sich vielmehr jener Raum öffnen, in dem der Mensch staunt, vertraut, glaubt und schließlich anbetet.
Der katholische Glaube hat die Vernunft im Übrigen nie abschaffen wollen. Ganz im Gegenteil. Johannes Paul II. fasste ihr Verhältnis in seiner Enzyklika Fides et ratio in einem wunderbaren Bild zusammen: „Glaube und Vernunft (Fides et ratio) sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt.“ Und an späterer Stelle formuliert er, Thomas von Aquin folgend, noch grundsätzlicher: „Wie die Gnade die Natur voraussetzt und vollendet, so setzt der Glaube die Vernunft voraus und vollendet sie“ („Quemadmodum gratia supponit naturam eamque perficit, ita fides supponit et perficit rationem“). Vom Glauben erleuchtet, so Johannes Paul II. weiter, finde die Vernunft die notwendige Kraft, sich zur Erkenntnis des göttlichen Geheimnisses zu erheben.
Mit einem Flügel kann man nicht fliegen. Die Vernunft bedarf also nicht ihrer Abschaffung, sondern ihrer Vollendung. Wissen ohne Glauben bleibt, wo es um die letzten Dinge geht, bruchstückhaft. Eine Vernunft ohne Glauben droht kalt zu werden. Ein Glaube ohne Vernunft kann dagegen in Aberglauben und Fanatismus abgleiten. Der Glaube zerstört die Vernunft deshalb nicht, sondern führt sie über jene Grenze hinaus, an der sie aus eigener Kraft nicht weiterkommt. Die Naturwissenschaft kann untersuchen, was im Gehirn eines Sterbenden geschieht. Sie kann aber nicht entscheiden, ob der Tod das endgültige Ende der Person bedeutet. Die Psychologie kann erklären, unter welchen Bedingungen Menschen leichter vergeben. Sie kann aber nicht beantworten, warum ich meinem Feind vergeben soll. Die Soziologie kann untersuchen, weshalb Gesellschaften auseinanderdriften. Sie kann aber keine Nächstenliebe erzeugen. Die Ökonomie kann den Preis einer Sache bestimmen. Sie kann uns aber nicht sagen, was sie wirklich wert ist und für den Einzelnen bedeutet. Und keine Wissenschaft kann beantworten, warum überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts.
Die Wintersonne muss wieder zur Frühlingssonne werden.
Das eigentliche Problem unserer Zeit besteht nicht darin, dass das Licht der Vernunft erloschen wäre. Es leuchtet heller als je zuvor. Aber wir haben dieses Licht mit jener Sonne verwechselt, die den Menschen auch zu wärmen vermag. Wir brauchen beides: Wahrheit und Liebe, Vernunft und Glaube, Erkenntnis und Anbetung. Das Licht muss wieder Wärme bekommen, damit auf dem gefrorenen Boden etwas wachsen kann. Dann löst sich auch der Stacheldraht um unsere Seelen auf. Wer sein Leben sub specie aeternitatis, unter dem Blickwinkel der Ewigkeit, betrachtet, muss nicht mehr jedes Stück vom irdischen Kuchen an sich reißen. Er kann loslassen. Er kann teilen. Er kann vergeben. Er kann verlieren, ohne verloren zu sein. Er kann sogar leiden, ohne sein Leben deshalb für sinnlos zu halten. Und er kann geben, ohne ständig zu fragen, was er dafür bekommt. „Geben macht auf. Geiz macht zu“, sagte einmal Pater Peter Lüftenegger, den ich zu seinem 50-jährigen Priesterjubiläum kennenlernen durfte. So einfach ist tatsächlich das Geheimnis. „Das aufrichtigste Kennzeichen der Wahrheit ist die Einfachheit und die Klarheit. Die Lüge ist immer kompliziert, geschwätzig“ (Leo Tolstoi).
Der Mensch braucht nicht nur ein Licht, das ihm zeigt, wohin er gehen soll. Er braucht eine Liebe, die ihm einen Grund gibt, überhaupt aufzubrechen. Unsere Zeit braucht deshalb weniger kirchliche Betriebsamkeit und wieder mehr Ehrfurcht; weniger ängstliche Anpassung und mehr radikales Vertrauen; weniger lähmende Selbstbespiegelung und mehr anbetende Hingabe. Wir müssen den Mut neu entdecken, den Menschen unverstellt vom Himmel zu erzählen, statt sie mit innerweltlichen Banalitäten abzuspeisen. Es gilt, wieder etwas auf uns herniedertauen zu lassen, das einem gregorianischen Choral gleicht – etwas, das uns für einen Augenblick aus dem betäubenden Lärm dieser Welt heraushebt und uns daran erinnert, dass wir für Größeres geschaffen wurden als für Konsum, Karriere und ein paar Jahrzehnte einer vermeintlich optimierten Selbstverwirklichung.
Unser Leben hat ein Ziel. Unser Tun ist nicht gleichgültig. Der Tod ist nicht das Ende. Und hinter der Wintersonne dieser Zeit wartet bereits jene ewige Sonne, die nicht nur leuchtet, sondern das Herz in unendlicher Liebe wärmt. Aus dieser Gewissheit heraus wird die Sehnsucht unserer krisengeschüttelten Epoche zu einem tiefen, drängenden Ruf, der heute lauter denn je durch unsere Gotteshäuser und Herzen hallen muss:
Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit; brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann. Erbarm dich, Herr. Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit; mache deinen Ruhm bekannt überall im ganzen Land. Erbarm dich, Herr.
Foto: Wintersonne (C) Michael W. Busch
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