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| ![]() Die fünf Sinne des Menschen und die Aufgabe katholischer Bildungvor 10 Stunden in Aktuelles, keine Lesermeinung Leo XIV.: die menschliche Würde gegen technologische Reduktion, gesellschaftliche Ausgrenzung und die Logik der Effizienz verteidigen. Bildung als Schule der Menschlichkeit. Über die Sinne, den Glauben und die Würde des Menschen. Von Armin Schwibach Montevideo (kath.net/as) Vor etwas mehr als 38 Jahren hatte der heilige Johannes Paul II. die Katholische Universität Uruguay in Montevideo besucht, die damals gerade ihre ersten Schritte unternommen hatte. Bei seiner Begegnung mit der Welt der Bildung erinnerte Papst Leo XIV. an diesen Besuch und dankte den Verantwortlichen, Lehrenden und Mitarbeitern für ihre Bildungs- und Erziehungsarbeit. Diese werde in den Ausbildungsgemeinschaften auf den verschiedenen Ebenen und in den unterschiedlichen Phasen des Bildungsprozesses geleistet und fortgesetzt, im Dienst der Verkündigung des Evangeliums und der Würde des Menschen. Die Beständigkeit dieses Engagements zeige, dass die katholische Bildung in Uruguay zu „der konkreten Form geworden ist, in der das Evangelium zu pädagogischer Tat, Beziehung und Kultur wird“. Sie bestätige zugleich, dass „das Evangelium nicht altert, sondern ‚alles neu macht‘ (Offb 21,5). Jede Generation hört es als eine Neuheit, die wiederbelebt. Jede Generation [entdeckt] seine befruchtende und sich vermehrende Kraft“ (Apostolisches Schreiben Neue Landkarten der Hoffnung entwerfen, Einleitung, 1.1). Das Ziel der pastoralen Arbeit im Bildungsbereich bestehe darin, dass Lernende, Lehrende und Leiter der Bildungseinrichtungen die Frohe Botschaft mit allen Sinnen erfahren könnten: Sie sollten sie hören, sehen, schmecken, berühren und riechen können. Das Evangelium müsse ihre Sinne erhellen, so wie die farbenfrohen Wandbilder den Universitätscampus prägten. Jeder Angehörige einer Bildungsgemeinschaft solle dadurch reifen und sich seiner unveräußerlichen Würde als Mensch bewusst werden. Dasselbe gelte für außerschulische und informelle Bildungsumfelder, für Bildungsgemeinschaften ebenso wie für Einrichtungen der Resozialisierung und der therapeutischen Betreuung. Dort komme es noch mehr als auf Worte auf die Aufmerksamkeit und das Lebenszeugnis glaubwürdiger, kompetenter und untereinander kooperierender Erwachsener an. Angesichts der gegenwärtigen weltweiten Lage sei es notwendig, dualistische Sichtweisen zu überwinden. Leo XIV. verwies dabei auf die Aussage des Zweiten Vatikanischen Konzils, wonach der Mensch eine Einheit von Leib und Seele sei. Die Reduzierung des Körpers auf ein beliebig verfügbares Objekt stelle stets eine Verleugnung der menschlichen Würde dar. Er verwies hierzu auf Gaudium et spes (14) sowie auf seine Generalaudienz vom 9. September 2026. Von dieser ganzheitlichen Sicht des Menschen ausgehend, lud der Papst zu einem gedanklichen Streifzug durch die fünf Sinne ein. Die Betrachtung ihrer Bedeutung solle dazu beitragen, die Schönheit des Evangeliums und die Größe des Menschseins neu zu entdecken. Den Ausgangspunkt bildete das Sehen. Leo XIV. griff dafür einen Vers aus dem achten Psalm auf: „Betrachte ich deine Himmel“ (Ps 8,4). Der Psalmist führe damit zu einer der höchsten Fähigkeiten des menschlichen Auges: der Betrachtung. Sie bedeute, etwas Geistiges oder Materielles aufmerksam und beinahe staunend anzuschauen. Aus der Betrachtung der Schöpfung und der Begegnung mit Gott erwachse das Bewusstsein für den eigenen Platz im göttlichen Plan sowie für die persönliche und gemeinschaftliche Verantwortung bei der Bewahrung der ursprünglichen Harmonie. Auch die zwölf Gebäude des Universitätscampus, die sich in die Umgebung des Stadtviertels einfügten, ließen diesen Zusammenhang erkennen. Betrachtung sei zugleich eine besondere pädagogische Aufgabe. Gerade in einer Zeit, in der der kognitive Prozess der Aufmerksamkeit immer schwieriger werde, müsse die Verkündigung des Evangeliums auch diesen Bereich des menschlichen Lebens erreichen. Wenn Kinder und Jugendliche in der Fähigkeit zur Betrachtung wüchsen, könnten sie jene Tiefe erreichen, nach der sie sich sehnten. Sie fänden Räume der Stille und der Einsicht und entwickelten eine größere Vertrautheit im Dialog mit ihrem Gewissen und mit Gott. Leo XIV. verwies dabei auf sein Apostolisches Schreiben Neue Landkarten der Hoffnung entwerfen (10.3) und bat die Verantwortlichen der katholischen Bildung, der Betrachtung in ihrer pädagogischen Arbeit einen besonderen Stellenwert einzuräumen. Der zweite Sinn führte zur Berührung. Der Psalmist setze seine Betrachtung mit den Worten fort: „deine Himmel, die Werke deiner Finger“ (Ps 8,4). In dieser Formulierung werde das Bild der Finger Gottes sichtbar, ähnlich denen eines Künstlers, der durch sein Schaffen Himmelskörper, Engel und Lebewesen entstehen lasse, die sich am Firmament, auf der Erde und in den Gewässern bewegten. Von allen Geschöpfen verfüge allein der Mensch über Finger, die sich zu Händen vereinten und damit die Erde bearbeiten, Früchte hervorbringen, andere Menschen begrüßen, streicheln und umarmen könnten. Allerdings dürfe nicht übersehen werden, dass die Finger des Menschen gegenwärtig auch das schrecklichste seiner Werke hervorbrächten: den Krieg. Der Papst verwies dazu auf seine Ansprache am Sitz der UNESCO vom 25. September 2026. Gerade deshalb müsse die katholische Erziehung die Bildungsgemeinschaft dazu führen, die Bedeutung der Berührung, der Hände und der Finger für die Förderung des Friedens neu zu entdecken. In diesem Zusammenhang griff Leo XIV. auf ein Bild von Papst Franziskus zurück. Wenn die Schüler „jene Umarmung in der Taufe, die der himmlische Vater uns geschenkt hat“, verspürten, würden sie auch die „andere Umarmung des barmherzigen Vaters begehren, der uns in der Herrlichkeit erwartet“. Die Aufgabe der Evangeliumsverkündigung bestehe darin, den Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass sie „sich wie inmitten dieser beiden Umarmungen“ befänden. Franziskus habe dies in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium (144) als die „schwere, aber schöne Aufgabe dessen, der das Evangelium verkündet“ bezeichnet. Wer sich vom Vater umarmt fühle, werde unweigerlich zu einem Friedensstifter. Der dritte Sinn, der Geschmack, führte den Papst zum ersten Petrusbrief: „Denn ihr habt gekostet, wie gütig der Herr ist“ (1 Petr 2,3). Der Geschmack stehe für jene Weisheit, die aus dem Probieren, dem Wiederkäuen und dem Verkosten hervorgehe. Gemeint sei eine Weisheit, die den Menschen der Güte Gottes näherbringe, ihn zu einem Bruder und einer Schwester anderer Menschen mache und ihn zur Heiligkeit führe. Verkosten bedeute jedoch weit mehr, als Geschmacksrichtungen zu erkennen, Lebensmittel zu klassifizieren oder Gerichte zusammenzustellen. Ebenso wenig könne jemand als weise gelten, der lediglich Informationen sammle, ohne zwischen ihnen zu unterscheiden, über sie nachzudenken oder ihren Zusammenhang zu verstehen. Die Fähigkeit zur Unterscheidung sei vielmehr eine wesentliche Voraussetzung wirklicher Weisheit. Daraus leitete Leo XIV. eine konkrete Forderung an die schulische und universitäre Bildung ab. Diese müsse dringend zu einem „weisen Umgang mit Technologien und KI beitragen, indem sie den Menschen vor den Algorithmus stellt und die technische, emotionale, soziale, spirituelle und ökologische Intelligenz in Einklang bringt“ (Neue Landkarten der Hoffnung entwerfen, 10.3). Die Erziehung müsse den jungen Menschen dazu befähigen, nicht nur Wissen anzuhäufen, sondern dessen Bedeutung zu erfassen und es in einen Zusammenhang zu stellen. Sein Wunsch sei, dass die Kinder und Jugendlichen „das Gute, das Wohlgefällige, das Vollkommene“ (Röm 12,2) zu verkosten lernten. Beim vierten Sinn, dem Geruch, verwies der Papst auf die Salbung Jesu in Bethanien, von der das Johannesevangelium berichtete: „Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt“ (Joh 12,3). Dazu zitierte er den heiligen Augustinus: „Die Welt wurde mit einem guten Rufe erfüllt; denn ein guter Geruch ist ein guter Ruf“ (Vorträge über das Johannesevangelium, 50. Vortrag, Nr. 7). Der Ruf des Menschen habe in der Gegenwart erheblichen Schaden genommen. Ausstoßen, Ablehnen und Verachten seien zu einem widerwärtigen Geruch geworden, an den sich der menschliche Geruchssinn inzwischen gewöhnt habe. Der gegenwärtige Prozess der Entmenschlichung stelle deshalb eine besondere Herausforderung für Schulen und Hochschulen dar.Leo XIV. verwies in diesem Zusammenhang erneut auf seine Ansprache am Sitz der UNESCO vom 25. September 2026. Darin habe er auf einen Widerspruch der gegenwärtigen Zivilisation aufmerksam gemacht: „Das Paradoxon wird immer offensichtlicher: Während computergestützten Systemen ‚Intelligenz‘ zugeschrieben wird, fällt es uns schwer, die unveräußerliche Würde des Menschen anzuerkennen, dessen Leben nach dem Kriterium der Effizienz beurteilt wird und der, sobald er als nicht mehr produktiv gilt, abgelehnt und ausgesondert wird.“ Dem müsse die katholische Bildung entgegentreten. Es sei unerlässlich, den Wohlgeruch des Menschen zu verteidigen, ausgehend vom Wohlgeruch des Messias. Erneut müsse verkündet werden, dass das menschliche Leben in sämtlichen Phasen und Stadien geachtet werden müsse. Die Konsequenz sei eindeutig: „Niemand darf abgelehnt werden.“ Den Abschluss des gedanklichen Streifzugs bildete der Hörsinn. Leo XIV. zitierte den Evangelisten Matthäus: „Wer Ohren hat, der höre“ (Mt 13,9). Mit diesem Wort verband er den Wunsch, dass alles, worüber an der Katholischen Universität Uruguay nachgedacht worden sei, tatsächlich Gehör finde und anschließend in den Bildungseinrichtungen Beachtung erfahre. Gerade in der heutigen Welt sei es wichtig, das Gehör zu schärfen. Entscheidend sei nicht allein, was Menschen hörten, sondern auch ihre Fähigkeit, das Gehörte zu unterscheiden. Der heilige Augustinus habe, indem er die biblische Weisheit in die griechisch-römische Tradition eingepflanzt habe, erkannt, dass der wahre Lehrer den Wunsch nach Wahrheit wecke, die Freiheit zur Unterscheidung schule und dazu befähige, die Zeichen zu lesen und auf die innere Stimme zu hören. Leo XIV. zitierte dazu sein Apostolisches Schreiben Neue Landkarten der Hoffnung entwerfen (2.2). Katholische Bildung dürfe sich dabei nicht in einem geschlossenen Kreislauf bewegen. Sie müsse vielmehr lernen, den Familien, der Zivilgesellschaft, den politischen und administrativen Verantwortungsträgern sowie den Vertretern der Wirtschaft und der verschiedenen Berufsgruppen zuzuhören. Auch Kinder und Jugendliche hörten in einem umfassenderen Sinn zu, wenn sie sich ehrenamtlich engagierten, an Missionen teilnähmen oder bei Gemeinschaftsprojekten mitwirkten. Solche Formen der Beteiligung eröffneten ihnen einen Zugang zu den Anliegen anderer Menschen. Wer zuhöre, erkenne im anderen ein Gut und keine Bedrohung. Die Heilige Schrift betrachte das Hören auf den Herrn als einen Akt der Weisheit, der Klugheit und der Gerechtigkeit (vgl. Spr 1,2–5; 2,1–9). Diese drei Tugenden müssten die Bildungsprojekte prägen. Dabei sei zu berücksichtigen, dass sich die Generationen in der Gegenwart wesentlich schneller veränderten als früher. Darin liege die Herausforderung, mit den Entwicklungen Schritt zu halten, ohne zugleich die gesunde Tradition aufzugeben. Zum Abschluss wandte sich Leo XIV. mit der Bitte an die Verantwortlichen der katholischen Bildung, ihre Arbeit fortzusetzen, das Evangelium zu verkünden und den Menschen in seiner Gesamtheit in den Blick zu nehmen. Dabei griff er erneut auf die Formulierung des Zweiten Vatikanischen Konzils zurück, das den Menschen als Einheit von „Leib und Seele, Herz und Gewissen, Verstand und Willen“ (Gaudium et spes, 3) beschrieb. Die katholische Bildung dürfe angesichts der Herausforderungen der Gegenwart nicht stehen bleiben. Der Papst schloss seine Ansprache mit dem Aufruf, den gemeinsamen Weg in Christus fortzusetzen: „Wir dürfen nicht stillstehen. Lasst uns unseren Weg fortsetzen in ihm, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist“.
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