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Vom Elend der Fürbitten

17. März 2026 in Kommentar, 42 Lesermeinungen
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„Still für mich füge ich manchmal hinzu: Wir beten heute auch für alle, die an den Fürbitten leiden …“ Von Thorsten Paprotny


Hannover (kath.net) Der „Novus Ordo“ – auch wenn er würdig gefeiert ist, zugleich verbindlich an den approbierten Hochgebeten aus dem Messbuch orientiert, vermag die treuen Gläubigen zu erfreuen, so dass sie an der Feier der Eucharistie mit der Kirche aller Zeiten und aller Orte teilhaben – verfügt dennoch über Einfallstore der Weltlichkeit, besonders an einer Stelle: die sogenannten „Fürbitten“, die nach dem Credo von Lektoren vorgetragen werden, sorgen verbreitet für Ärger und manches Stöhnen in den Kirchenbänken. Schuldlos sind die Laien, die zum Dienst bestellt sind, parteipolitisch getönte Bittgebete und vielleicht die Agenda der deutsch-synodalen Reformgeister aus dem kirchenpolitischen Gemischtwarenladen vortragen müssen, denn über die Fürbitten entscheiden in der Regel die Zelebranten. Es gibt einen Reigen an Arbeitshilfen für diese Fürbitten, die von zahlreichen Gemeinden genutzt werden, mit Themen und Gedanken, die den klassischen Nachrichtensendungen des linearen öffentlich-rechtlichen Fernsehens oder aus stabil kirchenkritischen Radiosendern entstammen könnten.

Wie an jedem Sonntag wurden auch an „Laetare“ vom Bistum Trier Fürbitten angeboten, darunter etwa: „Wir beten für die Menschen in der Ukraine und auch in den afrikanischen Krisenregionen: Für die Kinder, Frauen und Männer, die weiter auf vielfache Weise unter den russischen Angriffen leiden. Für die Menschen im Kongo, im Sudan und in anderen Krisenregionen Afrikas, die wir oft aus dem Blick verlieren. Für die aus politischen, religiösen, rassistischen oder geschlechtsspezifischen Gründen Verfolgten weltweit, die unterm Radar bleiben.“ 

Abgesehen von der Textlänge einer einzigen Bitte, die schon trotz bester Absichten eine Herausforderung für das Zuhören und die Aufmerksamkeit darstellt, sind stilistische Aspekte problematisch: das Gebet für die Verfolgten, „die unterm Radar bleiben“? Die Leser- und Hörerschaft fragt sich: Welches oder wessen Radar ist gemeint? Vor Gottes Augen werden Sünden und Verbrechen nicht verborgen bleiben, und der Herr wird Gericht halten, auch über jene, die nicht an ihn glauben. Gott sieht, worum wir bitten und wovon wir schweigen. 


Was aber, um die unglückliche Metapher aufzugreifen, ständig und fast überall in der Kirche des Herrn bei so vielen professionellen Fürbittautoren „unterm Radar“ bleibt, also schlicht übersehen und vergessen wird, das sind etwa die Gebete um Priesterberufungen, das sind mehr noch – wie das Zweite Vatikanische Konzil in der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ lehrt – die „verabscheuungswürdigen Verbrechen“, nämlich die massenhafte Tötung ungeborener Kinder im Mutterleib – allein in Deutschland werden etwa 100.000 Abtreibungen jährlich durchgeführt. Von diesem Skandal spricht in den Fürbitten fast niemand. Das ist für gläubige Katholiken unverständlich, ja ein himmelschreiendes Ärgernis.

Ein weiteres Beispiel vom ersten Sonntag der Österlichen Bußzeit zeigt, wie sehr die Kirchenprovinz Deutschland sich für „unsere Demokratie“ (Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier) einsetzt: „Für die Menschen in unserem Land und in ganz Europa, die in den nächsten Monaten wichtige Wahl-Entscheidungen zu treffen haben. Und für alle, die Aufgaben und Ämter zu übernehmen bereit sind und tun wollen, was demokratisch und gerecht ist.“ Beten dürften wir für alle, die nicht mit letzter Eindeutigkeit zu wissen meinen, „was demokratisch und gerecht“ in dieser Welt ist. Niemand möchte sich bei den Fürbitten darüber belehren lassen, was er demokratisch und gerecht zu finden hat.

Von Fürbittautoren werden nicht selten Entscheidungen, etwa die Aktionen des demokratisch eindeutig legitimierten amtierenden US-Präsidenten Donald Trump, zum Anlass genommen, um apokalyptische Fantasien in Gestalt von Fürbitten vorzutragen. Als die Mittelkürzungen für die amerikanische Hilfsbehörde USAID 2025 bekannt wurden, formulierte die Organisation „Brot für die Welt“ in Österreich: „Guter Gott, der du Wollen und Vollbringen in uns wirkst, sei bei uns und gib uns Kraft in diesen schwierigen Zeiten. Sei bei allen, die für Gerechtigkeit unter den verwundbarsten Menschen wirken, in Lateinamerika, Afrika, Asien, Südosteuropa, und die nun ohne die Hilfe aus den USA auskommen müssen, ohne die Kolleg:innen von dort und mit viel weniger Geld. Wehre dem Verzagen und schenke Ausdauer und Beharrlichkeit, wo es gilt, neue Kooperationspartner zu finden und Geldquellen zu erschließen. Erbarme dich, Gott, und lass nicht zu, dass Machtspiele einiger weniger die Lebensgrundlagen Vieler zerstören.“

Solche Fürbitten – „Machtspiele“ – sind ein reines politisches Statement. Dazu mag ein jeder seine ganz persönliche Meinung haben, die vom Schutz auf Meinungsfreiheit gedeckt ist, aber eine meinungsbildende Fürbitte wie diese gehört nicht in die Heiligen Messe. Stattdessen dürften und sollten wir um Gottes Führung bitten und um die Einsicht und den Mut, dass sich die Regierenden, dasss wir uns alle Seiner Weisung anvertrauen, ob gelegen oder ungelegen. Er allein, niemand sonst, ist der Herr der Geschichte, ist uns das noch bewusst?

Ein letztes Beispiel noch, das fast zum Schmunzeln einlädt, erneut aus den verbreiteten Fürbittvorschlägen des Bistums Trier: „Für die Sportlerinnen und Sportler, die bei den Olympischen Spielen Medaillen und Ehre gewonnen haben. Für die vielen, bei denen es nur knapp oder deutlich danebengegangen ist. Und für alle, die sich mit ihnen gefreut oder die mit ihnen getrauert haben.“ Ja, wir beten für Sportler, für Fernsehzuschauer – und es scheint, als ob irgendwelche Emotionen dieser Zeit aufgegriffen werden sollten. Lebensnähe, Lebenswirklichkeit? Manchem erscheint solches einfach nur absolut verzichtbar. Die Fußballweltmeisterschaft kommt bestimmt, wir dürfen uns sicher auch schon über die Fürbitten zu dem nächsten Spektakel dieser Art … „freuen“. Aber einfach gläubige Katholiken, auch jene, die einen Fernseher besitzen und mit Begeisterung Fußball schauen, wollen davon nichts in der Heiligen Messe hören. Deutlich wird hier vor allem die Banalisierung des Gebets, die Einzug in die Liturgie hält, und die Instrumentalisierung des Gebets für irgendwelche beliebigen säkularen Absichten. 

Wer die Fürbitten in der Heiligen Messe vernimmt, dem kommt es vielfach vor, als sehe er die „Tagesschau“ oder das „Heute-Journal“, denn auch dort spielen Themen wie die Bitte um Evangelisierung und Erneuerung in Christus keine Rolle. Es scheint vielfach, als hätten wir den Adressaten der Gebete vergessen – den dreifaltigen Gott, zu dem wir uns zuvor im Credo der Kirche bekennen. Still für mich füge ich manchmal hinzu: Wir beten heute auch für alle, die an den Fürbitten leiden … Wer übrigens gute, gut verständliche und lesbare Fürbitten sucht, wird leicht fündig: Das Schott-Messbuch ist empfehlenswert, doch leider wird der Schott sonntags viel zu selten genutzt. Und das nicht nur, wenn Wahlen, Olympische Spiele oder Fußballweltmeisterschaften stattfinden.

Dr. Thorsten Paprotny (siehe Link) lehrte von 1998-2010 am Philosophischen Seminar und von 2010 bis 2017 am Institut für Theologie und Religionswissenschaft der Leibniz Universität Hannover. Der Autor vieler Bücher publizierte bsp. den Band "Theologisch denken mit Benedikt XVI.".

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