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Fastenzeit: Die heitere Strenge des Herzens

vor 14 Stunden in Spirituelles, keine Lesermeinung
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Ein spiritueller Essay über Demut, Freiheit und österliche Hoffnung. Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Hannover (kath.net) Prolog: Am Anfang steht nicht die Forderung, sondern das Erbarmen
Die österliche Fastenzeit kommt uns auch heuer wieder ohne Pathos an, sie ist wie ein leises inneres Anklopfen und Erinnern. Und in vielen von uns meldet sich ein inneres Soll: heuer müsse man es doch mal konsequenter, ernster, mit dieser Fastenzeit nehmen. 
Gerade hier aber setzt die geistliche Weisheit der Kirche an – mit einer überraschenden Umkehrung. Denn die Fastenzeit ist ihrem innersten Sinn nach keine Zeit der Selbstverschärfung, sondern eine Zeit der Barmherzigkeit. Sie ist nicht der Augenblick, in dem Gott mit dem Maßstab vor den Menschen tritt, sondern der Moment, in dem er ihm entgegenkommt. Nicht als Richter, der prüft, sondern als Arzt, der heilt. Nicht mit der Last der Forderung, sondern mit der Geste der Einladung.

Darum ist entscheidend, wie wir diese Zeit betreten. Nicht asketisch im äußeren Sinn, sondern geistlich im inneren. Die Fastenzeit ist kein Gerichtssaal, in dem das Leben verhandelt wird, und keine Reparaturwerkstatt, in der der Mensch als defizitäres Projekt erscheint.  Sie ist ein wohlwollender Übungsraum, ein geistliches Klima, in das wir eintreten dürfen, eine Atmosphäre einer geistigen und seelischen Grundstimmung, in der das Herz wieder weich werden darf: empfänglich, hörfähig und berührbar (Alexander Schmemann).

In dieser Atmosphäre erinnert sich die Kirche an den Anfang des Evangeliums: nicht an ein Gebot, sondern an eine Zusage. „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.“ Bevor vom Umkehren die Rede ist, wird Nähe verkündet. Bevor der Mensch sich bewegt, hat Gott sich schon zugewandt. Das Evangelium beginnt nicht mit dem Anspruch, sondern mit dem Geschenk; nicht mit der Forderung, sondern mit der Verheißung.

Gerade darin liegt der tröstliche Ernst der Fastenzeit. Sie sagt nicht zuerst, was wir ändern müssen, sondern eröffnet den Raum, in dem Veränderung überhaupt möglich wird, weil wir darin nicht allein sind. Sie ist eine Schule der Freiheit, nicht der Selbstanklage; eine Schule der Wahrheit, nicht der Selbstverurteilung; eine Schule des Herzens, nicht der Härte.

Wer so in die Fastenzeit eintritt, tritt nicht in eine Zeit des Mangels ein, sondern auf einen Weg der Heilung: nicht in eine düstere Zwischenzeit, sondern in eine langsame, stille Hinführung zum Licht der Auferstehung.

1. Die Ostkirche beginnt mit dem Evangelium vom Pharisäer und Zöllner (Lk 18,9-14)
Fasten als geistliche Diagnose, nicht als Wettbewerb
Dass die byzantinische Ostkirche den Weg in die Große Fastenzeit mit dem Gleichnis vom Zöllner und vom Pharisäer eröffnet, ist geistlich von großer Feinfühligkeit. Sie setzt nicht bei der äußeren Praxis an, nicht bei der Frage: Wie wird gefastet –, sondern bei der inneren Haltung. Denn die entscheidend ist nicht zuerst: Was esse ich? Was lasse ich weg? Sondern: Wie stehe ich vor Gott? Und: Wie schaue ich auf den anderen?

Den Grundton dieser Zeit fasst Patriarch Bartholomaios I. folgendermaßen zusammen:
„Nicht das Fasten allein, nicht die Leistungen allein, sondern die Demut ist es!“
Damit ist von Anfang an klargestellt: Fasten ist keine religiöse Leistungsschau, kein moralisches Punktesystem. Sobald Fasten zum Wettbewerb wird, verliert es sein Ziel. Es entlastet vielleicht den Körper, aber es verengt das Herz. Es schafft Ordnung, aber keine Liebe. Es erzeugt Disziplin, aber keine Barmherzigkeit.

Die Wüstenväter wussten darum mit großer Nüchternheit: „Alles, was nicht aus Demut geschieht, kann zur Versuchung werden.“ Nicht, weil Askese schlecht wäre, sondern weil das Ich erfinderisch ist. Es kann selbst aus dem Guten einen Spiegel machen, in dem es sich bewundert.

So wird die Fastenzeit zu einem Ort der Wahrheit. Und Wahrheit ist, das spüren wir sofort, nicht selbstverständlich angenehm. Aber sie ist heilend. Wahrheit lautet nicht: Ich bin schlecht. Wahrheit lautet: Ich bin bedürftig. Ich brauche Gott. Ich brauche Vergebung. Ich brauche Licht. Und ich brauche ein Herz, das wieder lernt zu lieben, statt zu vergleichen.

2. Die erste Versuchung der Askese
Wenn das Fasten das Ich füttert
Die geistliche Tradition ist erstaunlich realistisch. Sie weiß: Auch das Heilige kann missverstanden werden. Auch fromme Praxis kann zur Bühne werden. Darum spricht sie so klar von der ersten Versuchung des Fastens: dem Pharisäismus.

Johannes Cassian bringt es nüchtern auf den Punkt: „Nicht die Enthaltung der Speisen reinigt den Menschen, sondern die Demut des Herzens.“

Der Sinn des Fastens liegt nicht primär in der äußeren Enthaltung, sondern in der inneren Öffnung. Wo diese fehlt, kann Fasten sogar das Gegenteil bewirken: Es kann härter machen, strenger, urteilender, rechthaberischer. Die gefährliche Variante lautet: Ich verzichte – und fühle mich dadurch überlegen. Ich halte Regeln – und beginne innerlich zu rechnen. Ich tue das Richtige – und verliere die Liebe.

Evagrius Ponticus beschreibt diese Dynamik mit großer geistlicher Psychologie: „Der Dämon des Hochmuts folgt auf asketische Fortschritte wie ein Schatten dem Körper.“

Je mehr wir „schaffen“, desto näher rückt die Versuchung, uns selbst als besser zu sehen. Und plötzlich ist das Fasten nicht mehr Weg zu Gott, sondern Stärkung eines religiösen Ichs, das sich abgrenzt.

Augustinus formuliert den entscheidenden Prüfstein: „Wenn du fastest, aber deinen Bruder verachtest, hast du den Bauch entlastet, nicht aber das Herz.“

Dieser Satz ist tröstlich, weil er nicht verurteilt, sondern klärt. Er sagt nicht: Du bist verloren. Er sagt: Schau, wo dein Herz steht. Fasten wird hier zur sanften Leuchte, die unser Inneres ausleuchtet: Wo bin ich hart geworden? Wo habe ich mich aufgebläht? Wo ersetze ich Nähe zu Gott durch Selbstrechtfertigung?

Und genau hier beginnt die Frohbotschaft der Fastenzeit: Gott zeigt uns die Wahrheit nicht, um uns zu beschämen, sondern um uns zu heilen. Wahrheit ist bei Gott immer Medizin.

3. Demut – nicht kleinmachen, sondern aufatmen
Gnade, Weisheit, Kraft und Friede
Demut wird beschrieben als Gnade, Weisheit, Kraft und Friede. In diesen vier Worten liegt der neue Aufbruch und ein möglicher geistlicher Frühling der Fastenzeit.

1) Demut als Gnade
Demut ist die Wohnung der Gnade. Wo Demut wohnt, darf Gott wirken. Wo sie fehlt, bleibt Gott scheinbar draußen – nicht weil Gott fern wäre, sondern weil das Ich sich verschließt.

Demut bedeutet, die Illusion aufzugeben, sich selbst retten zu müssen. Ich muss nicht alles im Griff haben. Ich darf schwach sein, ohne mich zu verachten. Ich darf fehlbar sein, ohne zu verzweifeln.

Demut ist darum eine der tröstlichsten Tugenden überhaupt: die Erlaubnis, endlich Mensch zu sein.

2) Demut als Weisheit
Der Demütige sieht die Wahrheit ohne Schleier, weil er nichts verteidigen muss. Wie viel Energie kostet das ständige Rechtfertigen, das Erklären, das Sich-Positionieren! Demut kann loslassen. Sie muss nicht gewinnen.

Das ist Weisheit, weil sie Beziehungen heilt. Gespräche werden friedlicher. Kritik wird weniger zerstörerisch. Man kann sagen: Du hast recht – ich habe mich geirrt. Nicht als Niederlage, sondern als Freiheit.

3) Demut als Kraft
Demut ist nicht Schwäche. Sie ist innere Standfestigkeit, die aus Vertrauen lebt, nicht aus Trotz. Sie ist Kraft, weil sie nicht mehr aus dem Ego leben muss.

4) Demut als Friede
Wo Demut ist, da findet der Mensch Ruhe.

Das ist der Prüfstein der Fastenzeit: Wenn ich am Ende korrekter, aber nicht friedlicher geworden bin, habe ich vielleicht gewissenhaft gefastet, aber nicht gelernt zu lieben.

4. Die Fastenzeit als „zweite Taufe“
Neugeburt statt moralischer Reparatur
Die alte Kirche verstand die Fastenzeit als Weg zur Taufe – und damit als Weg zur Neugeburt. Nicht Reparatur, sondern erlösende Erinnerung. Nicht Selbstoptimierung, sondern vertrauende Rückkehr.

Alle Verkleidungen und „Lumpen“ unseres Lebens, das „alte Gewand“ darf abgelegt werden, damit das Taufgewand der ungekündigten „Gottes-Kindschaft“ wieder sichtbar wird: „die auf Christus ihr seid getauft, ihr habt Christus angezogen!“

Fasten heißt sodann: Ich erinnere mich, wer ich bin. Getauft heißt: Ich gehöre Christus. Ich bin nicht mein eigener Richter. Ich darf mich tragen lassen.

Die Fastenzeit ist ein Weg der Heimkehr. Wie ein Mensch, der lange unterwegs war und plötzlich merkt: Ich habe ja noch mein Zuhause.

5. Freiheit statt düsterer Askese
Maß, Zärtlichkeit und geistliche Klugheit
Askese ohne Einsicht führt zu Härte. Härte zu Erschöpfung. Erschöpfung zu Bitterkeit. Darum gilt: „Alles geschehe mit Maß“ (Regula Benedicti). Maß ist hier Weisheit – jene Zärtlichkeit, mit der Gott den Menschen führt. Fasten ist daher nicht Selbstverletzung, sondern Selbstbefreiung. Nicht Zwang, sondern Lösung. Nicht Beweis, sondern Freiheit.

6. Fasten als Aufmerksamkeit
Gegen das Vergessen, für die Nähe
Die größte Versuchung ist nicht unser Unglaube, sondern unser unachtsames Vergessen. Fasten kann zur Praxis der Aufmerksamkeit werden. Kleine Unterbrechungen im Alltagsgeschehen setzen, Gott wieder unspektakulär ins Bewusstsein holen.
So werden selbst gewöhnliche Orte zu heiligen Orten, weil dort Erinnerung geschieht. Fasten wird so frohmachend, nicht weil es leicht ist, sondern weil es Nähe schafft.

7. Fasten als Auszug aus sich selbst
Herzöffnung für Bruder und Schöpfung
Fasten wird vollständig, wenn es uns über unser Ego hinausführt, zum Bruder und zur Schöpfung. Ein barmherziges Herz brennt für die ganze Schöpfung. Auferstehung ist kein Privatereignis, sondern neues Leben für die Welt.

Fasten als Freiheit heißt: frei werden für ein Wort, das heilt; für einen Blick, der nicht verurteilt; für Zeit, die ich schenke; für Großherzigkeit, die nicht nachträgt.

8. Die „glanzausstrahlende Traurigkeit“
Wenn Reue hell wird
Fastenzeit ist keine depressive Schwere, sondern eine helle Reue.
Sie sagt: So will ich nicht bleiben. Und zugleich darf sie erkennen: Ich muss so nicht bleiben.

Diese Traurigkeit führt nicht ins dunkle Loch, sondern ins Gebet. Nicht in die Starre, sondern in Bewegung. Nicht in Hoffnungslosigkeit, sondern in Vertrauen.

9. Ziel: Auferstehung
Nicht Leistung, sondern Vergebung
Ostern ist Geschenk, nicht Lohn. Fasten bereitet das Herz darauf vor, diese Wahrheit zu empfangen: Christus ist auferstanden – und darum muss niemand in Schuld, Bitterkeit oder Selbstverachtung bleiben.

Der Mensch wird nicht gerettet, weil er fastet, sondern weil er sich Gott überlässt. Gott ist nicht Buchhalter unserer Erfolge, sondern Arzt unseres Herzens.

Epilog: Eine Einladung, die heute schon gilt
Die österliche Fastenzeit ist keine Drohkulisse. Sie ist eine Tür, die aufgehen will.

Du musst dich nicht erst ändern, damit Gott dich liebt. - Du darfst dich ändern, weil Gott dich liebt.

So wird das Fasten menschlicher, ehrlicher, heilender – eine stille Auferstehung im Inneren.

Und der Refrain trägt uns durch diese Wochen:
Demut ist Gnade. Demut ist Weisheit. Demut ist Kraft. Demut ist Friede.


 

 


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